Wo die Scharia Demokratie bedeutet (DIE ZEIT online)

Kopftuchzwang, Steinigungen, Islamismus – das versteht der Westen unter der Scharia. Für die meisten Ägypter aber ist sie der Garant für den Rechtsstaat.

Alexander Ritzmann, 05.03.2012, DIE ZEIT Online

Nach den Wahlsiegen der Muslimbrüder in Ägypten und Tunesien haben viele politische Beobachter den arabischen Frühling eilig zum islamistischen Winter erklärt. Dabei ist noch völlig offen, wohin es in diesen beiden Ländern politisch gehen wird.

Eines aber steht schon fest: Rund 90 Prozent der Ägypter wünschen sich den Einfluss der Scharia in der Politik. Entsprechende Umfrageergebnisse von 2007 wurden im vergangenen Jahr bestätigt. Bei den Wahlen in Ägypten gingen deshalb auch mehr als 80 Prozent der Stimmen an Parteien, die das islamische Recht als Quelle der Gesetzgebung fordern.

Doch anders als im Westen verbinden die Menschen in Ägypten die Scharia nicht mit einem islamistischen Gottesstaat, mit Steinigungen oder Händeabhacken. Im Gegenteil: Für mehr als 85 Prozent der Ägypter steht die Scharia für Frauenrechte, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit, Förderung der Wissenschaften und Minderheitenschutz.Weiterlesen »

Mehr Demokratie, weniger Terror: Demokratie auch bei Islamisten fördern (Potsdamer Neueste Nachrichten)

Potsdamer Neueste Nachrichten, 28.02.2012

von Jan Kixmüller

Der Westen müsse davon abkommen, die arabische Welt hauptsächlich über den gewaltbereiten islamischen Extremismus zu definieren. Schließlich handele es sich dabei nur um zwei bis drei Prozent der dortigen Bevölkerung. So lautet das Fazit von Alexander Ritzmann. Der Wissenschaftler des Brandenburgischen Instituts für Gesellschaft und Sicherheit (BIGS) hat unlängst im kleinen Kreis am Institut erste Ergebnisse seines Forschungsprojektes „Der islamische Frühling in der arabischen Welt – Demokratieförderung zur Schaffung ziviler Sicherheit“ vorgestellt. Er empfiehlt nun, in Ländern wie Ägypten den Dialog mit pro-demokratischen Islamisten zu suchen.

Ritzmann geht davon aus, dass pluralistische Demokratien weniger militante Opposition schaffen als andere Regierungsformen. Mehr Demokratie in der arabischen Welt würde somit auch den Export von Extremisten und deren Ideologien nach Europa verringern. Der Zusammenhang von Demokratieförderung und ziviler Sicherheit sei als langfristige Perspektive zu sehen. „Darin stecken nun viele Chancen für den Westen, der Dialog ist potenziell mehr Wert, als die vielen Diskussionen um Griechenland.“

Ritzmann hat sich als politischer Analyst einen Namen gemacht, er ist als Sachverständiger vor dem EU-Rat, der EU-Kommission, dem US-Kongress und dem US-State-Department aufgetreten. Er berät zudem Abgeordnete des Deutschen Bundestags, des US-Kongress’ und des Europäischen Parlaments. Seine Expertise liegt in den Bereichen Demokratieförderung, politischer/religiöser Extremismus und Terrorismus. Er arbeitet seit November 2010 am BIGS. Das Institut, das unter der Beteiligung der Universität Potsdam, aber auch rüstungsnaher Unternehmen wie EADS, IABG und Rolls-Royce entstanden ist, versteht sich als Think Tank für Fragen ziviler Sicherheit.

Die dominierende Rolle islamistischer Parteien im Rahmen der Umbrüche in Ägypten und Tunesien hat Ritzmann aus sicherheitspolitischer Perspektive betrachtet. Weiterlesen »