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Wie al-Qaida sich im Jemen eingerichtet hat (Die Zeit online)

November 2, 2010

Alexander Ritzmann

02.11.2010 Die Zeit online

Anfang 2009 erst hat das Terrornetz einen Ableger im total verarmten Jemen gegründet. Nun steht dieser im Verdacht, die Paketbomben verschickt zu haben.

Die US-Ermittler zumindest hegen keinen Zweifel: Die Paketbomben aus dem Jemen stammen von der Terrorgruppe „al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAP). Die in UPS- und FedEx-Paketen verborgenen Sprengsätze auf dem Weg in die USA wurden zum Glück rechtzeitig entdeckt. Saudischen Sicherheitsbehörden zufolge soll der Al-Qaida-Bombenbauer Jaber al-Faifi den entscheidenden Tipp gegeben haben, der zur Entdeckung der Bomben führte. Noch wird geklärt, was genau Ziel des Anschlagsversuchs war, und ob die Paketbomben funktionsfähig gewesen sind.

Warum gilt die arabische al-Qaida AQAP als Drahtzieher, und was ist sie für eine Organisation?

Der Bombenexperte Jaber al-Faifi war in Guantánamo inhaftiert und nahm im Anschluss daran an einem saudischen Rehabilitationsprogramm für gewaltbereite Extremisten teil. Nach dessen vermeintlich erfolgreichem Abschluss schloss er sich AQAP im Jemen an, um sich dann vor zwei Wochen freiwillig zu stellen. Es ist deshalb bis auf Weiteres davon auszugehen, dass die Organisation auch hinter dem Anschlagsversuch steckt. Bereits vor zehn Monaten schlug der spektakuläre Versuch eines AQAP-Mitgliedes fehl, die eigene mit Sprengstoff gefüllte Unterhose an Bord eines Passagierflugzeugs im Anflug auf die US-Stadt Detroit zur Explosion zu bringen.

Die heutige „al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ ist eine im Januar 2009 aus der Not geborene Fusion von al-Qaida in Saudi Arabien und der Niederlassung im Jemen. Denn als Resultat auf Dutzende brutale Anschläge in Saudi Arabien – insbesondere in den Jahren 2003 bis 2006 – erhöhten die saudischen Behörden den Verfolgungsdruck so sehr, dass eine Neugründung im Nachbarstaat Jemen das Überleben der Organisation sichern helfen sollte.

Im Jemen konnten sich damit gut ausgebildete saudische Terroristen, darunter viele Afghanistan- und Irakveteranen, mit jemenitischen Gleichgesonnenen und lokalen Rebellen zusammenschließen. Die saudischen Terroristen kamen in ein Land, dessen innenpolitische Lage komplex ist. Es ist das ärmste Land im Nahen Osten, seine Wasser- und Ölvorräte versiegen. Die Regierung um Präsident Ali Abdullah Saleh ist dabei in einen langjährigen Bürgerkrieg verwickelt, und obwohl die verschiedenen Rebellengruppen nicht direkt miteinander kooperieren, schwächen sie doch gemeinsam die Regierung.

Die separatistischen schiitischen Houthis sind dabei für das jemenitische Regime gefährlicher als die sunnitischen Extremisten, welche die AQAP unterstützen. Indirekt profitiert Saleh sogar von den Aktivitäten der „al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel“, denn nicht nur Saudi Arabien, sondern auch die USA und andere unterstützen ihn finanziell im Antiterrorkampf. Die Unterstützung würde sich drastisch reduzieren, sollte AQAP marginalisiert werden oder gar aus dem Land verschwinden. Saleh wäre dann alleine mit seinen Rebellen.

Inwieweit AQAP zentral gesteuert wird, ist Spekulation. Aufgrund der sehr autonomen Strukturen der Al-Qaida-Zellen insgesamt, von Mauretanien bis Indonesien, spricht vieles dagegen. Klar ist jedoch, dass AQAP sich bei der Fusion unter die strategische Führerschaft Osama bin Ladens begeben hat. Dieser hatte die Ziele für die arabische Halbinsel klar benannt.

Zunächst soll danach das saudische Königshaus gestürzt werden. Deren König gilt als zu moderat: durch seine Zusammenarbeit mit den USA wird er aus Sicht von Osama bin Laden zum Verräter. Bin Laden weiß, dass dies, wenn überhaupt, nur dann möglich ist, wenn die USA sich mit ihren Marines und allem was dazugehört, aus der Region zurückziehen. Mit dem in New Mexico geborenen Anwar al-Awlaki hat AQAP zudem einen Berater, der über ein tieferes Verständnis US-amerikanischer Politik verfügt. Das Timing dieses Anschlagsversuchs am Wochenende vor den wichtigen Kongresswahlen war wohl kein Zufall.

Ein eher zweitrangiges Ziel der arabischen al-Qaida ist es, das jemenitische Regime weiter zu destabilisieren, um den Jemen als Operationsbasis nutzen zu können. Durch das Abschicken der Pakete hat AQAP wahrscheinlich auch das erreicht, was auf anderem Wege mit ihren geschätzten 300 Mitgliedern (manche Analysten gehen von nur 50 Mitgliedern aus) kaum gelungen wäre. Denn die vom Westen beschlossenen sicherheitsbedingten Transportboykotte werden die jemenitische Wirtschaft weiter schwächen – der failed state Jemen bleibt unfähig, viel mehr als die Landeshauptstadt zu regieren, und muss deswegen AQAP und deren verbündete Warlords den von ihnen gewollten Raum lassen.

Zu guter Letzt versucht AQAP mit den öffentlichkeitswirksamen Paketbomben wohl der Einschätzung zu trotzen, dass sie außerhalb ihrer regionalen Stützpunkte, wie etwa in Algerien oder eben im Jemen, weitgehend handlungsunfähig und geschlagen sind. Dieses Image würde sowohl die Rekrutierung neuer Mitglieder als auch das Einwerben von Geldern drastisch erschweren. Wer will schon einen Verlierer unterstützen?

Gerade aus Sicht der Vereinigten Staaten bestand die Hauptbedrohung durch al-Qaida bisher in deren Streben nach Nuklearwaffen. Dabei reichte das Spektrum vom möglichen Zugriff auf pakistanische Atomwaffen bis hin zur schmutzigen Bombe, die etwa aus radioaktivem Material gestohlener medizinischer Geräte hergestellt werden könnte. Ob das Verschicken von zwei Paketbomben nun ein Ausdruck von Stärke ist oder eher das Gegenteil dokumentiert, wird jedoch erstmal kritisch zu diskutieren sein.

Die gefährlichen Pakete weisen uns aber auf etwas anderes hin: die zwei großen Gefahren in der Terrorismusbekämpfung. Die erste besteht darin, sich aus Mangel an Fantasie nicht vorstellen zu können, wozu der Gegner in der Lage ist. Die zweite besteht wiederum in einem Überschuss an Fantasie. Die Reaktionen auf diesen Anschlagsversuch sollten deshalb so ausgerichtet sein, dass sie die Leistungsfähigkeit von bin Ladens Terrornetz weiter vermindern.

Vor allem ein größeres Engagement arabischer Staaten im Jemen wäre im Ergebnis erfolgreicher, als mehr direkte Interventionen durch die USA. Denn hektische Überreaktionen von staatlicher Seite, die Unsicherheit verbreiten und Milliarden kosten, spielen al-Qaida nur in die Hände. Das gilt für den Jemen, genauso wie die USA und Europa.

Der Terrorismusexperte Alexander Ritzmann ist Senior Fellow an der European Foundation for Democracy

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