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Was Kofferbomber und Bombay-Mörder verbindet (Die Welt)

Mai 9, 2009

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 10. Dezember 2008

Die brutalen Anschläge von Bombay haben knapp 200 Menschen das Leben gekostet. Sie waren präzise koordiniert und trafen den indischen Staat ins Mark. Was motiviert islamistische Terroristen zu ihren Taten? Die Ideologie, die dahinter steckt, kennt keine Grenzen und spannt sich vom Kölner Kofferbomber bis nach Bombay.

Der vom Oberlandesgericht Düsseldorf zu lebenslanger Haft verurteilte Libanese Youssef Mohamad E.H. begründete den Versuch, im Sommer 2006 Bahnreisende in Köln in die Luft zu sprengen, damit, dass der Islam angegriffen werde – in diesem Fall die Ehre des Propheten Mohammed durch die dänischen Karikaturen.

Während die meisten islamischen Autoritäten damals zur Zurückhaltung aufriefen, forderten einige Extremisten, die Ehre des Propheten durch Anschläge auf Ungläubige zu verteidigen. Der Führer der libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah, sagte damals, er sei sicher, dass sich Millionen von Muslimen dafür opfern würden. Und er fügte hinzu, dass wenn der Islamkritiker Salman Rushdie, wie vom iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini gefordert, ermordet worden wäre, es die Europäer nicht gewagt hätten, die Karikaturen zu veröffentlichen. Andere Extremisten setzten ein Kopfgeld auf die Karikaturisten aus.

Nasrallah und andere hatten also den Verteidigungsfall ausgerufen. Der Islam werde angegriffen, jeder Muslim müsse sich an dessen Verteidigung beteiligen. Grundlage dieser Geisteshaltung ist der politische Islam, auch Islamismus genannt, als eine auf Religion basierende Ideologie.

Das Fundament dieser Ideologie beruht auf der Überzeugung, dass der Islam einst die Religion der Gewinner war. Im siebten Jahrhundert nach Christi war es einer kleinen Gruppe in Arabien unter der Führung des Propheten Mohammed und seiner Nachfolger gelungen, innerhalb von einhundert Jahren ein Weltreich – von Portugal bis Indien – zu erobern. Zudem waren die Muslime damals auch in Wissenschaft, Medizin oder Literatur führend.

Die Tatsache, dass der Islam vom säkularen Westen wie vom Christentum überholt wurde, wird von Islamisten darauf zurückgeführt, dass die Muslime, korrumpiert vom Westen, von Allahs Weg abgekommen seien.

Die Islamisten wollen deshalb kurz gesagt zurück in die Vergangenheit, zurück ins „Zeitalter der Glückseligkeit“. Durch die Errichtung eines alle islamischen Länder vereinenden Gottesstaates, eines Kalifats, und durch eine strikte Anwendung der Scharia, des islamischen Rechts, soll Allah wieder zufrieden gestellt werden. Die Belohnung dafür, dessen sind sich die Islamisten gewiss, wird die Wiederkehr von Glanz und Gloria sein.

Über den Weg dorthin streiten sich die Islamisten. Während die Muslimbrüder, eine Mutterorganisation des politischen Islam, seit einigen Jahrzehnten eine gewaltfreie Machtübernahme bevorzugen, will beispielsweise Al-Qaida sich den Weg an die Macht frei bomben. Obwohl also beide Gruppierungen die gleichen Ziele verfolgen, beschimpfen und beschuldigen sie sich wechselseitig.

Im Islam gibt es auch die Tradition des defensiven Dschihad. Dieser „heilige Verteidigungskrieg“ kann von einem Kalifen ausgerufen werden, wenn beispielsweise ein islamisches Land oder die Religion selbst angegriffen werden. Zwingende Voraussetzung nach Meinung der meisten islamischen Rechtsgelehrten ist die Legitimation durch einen Kalifen. Da es gegenwärtig kein Kalifat gebe und auch keinen Kalifen, könne sich also niemand auf diesen defensiven Dschihad berufen. Genau das tun aber die Terroristen, sei es in Düsseldorf, London, Madrid oder auch Bombay.

Der festgenommene Bombay-Attentäter Mohammed Ajmal Kasab behauptete ebenfalls, der Islam sei in Gefahr. Der 21-jährige wurde mit Videos von Grausamkeiten an Muslimen in Indien und Bosnien radikalisiert und die Propaganda der für die Anschläge verantwortlich gemachten Lashkar-e-Taiba zeigt beispielsweise von einem Dolch durchbohrte indische, amerikanische und israelische Flaggen.

Dabei ist wichtig zu wissen, dass viele islamistische Terroristen, insbesondere die „Frontkämpfer“, über eine geringe religiöse Bildung verfügen. Sie werden von vermeintlichen Autoritäten meist mit falschen oder aus dem Kontext gelösten Koranzitaten erst radikalisiert und dann instrumentalisiert.

Die Anhänger des Islamismus sind ganz klar in der Minderheit unter den geschätzt 1,4 Milliarden Muslimen. Ein die Mehrheitsmeinung widerspiegelnder Islamunterricht, auch an staatlichen Schulen in Deutschland, ist deshalb für die Auseinandersetzung mit dem Islamismus von großer Bedeutung.

Alexander Ritzmann ist Politischer Analyst und Senior Fellow bei der European Foundation for Democracy in Brüssel. Seine An- und Einsichten zum Islamismus erscheinen wöchentlich in der Kolumne „Dschihad auf Deutsch“

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From → al-Qaida, Hisbollah

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