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War Barack Obama Favorit der al-Qaida? (Die Welt)

Mai 9, 2009

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 12. November 2008

Kurz vor der Wahl in den USA war die Anspannung unter den Terrorismus- und Sicherheitsexperten groß. Es wurde erwartet, dass al-Qaida entweder durch einen Anschlag oder per Videobotschaft versuchen würde, den Ausgang zu beeinflussen. Passiert ist jedoch nichts. Gründe dafür gibt es genug.

Im Jahr 2004 machte der unterlegene demokratische Herausforderer von Präsident George W. Bush, Senator John Kerry, die Videobotschaft bin Ladens kurz vor dem Wahltag für seine Wahlniederlage verantwortlich. Kerry erklärte damals, das Video habe das amerikanische Wahlvolk zutiefst geängstigt und dafür gesorgt, dass Bush die Mehrheit der Stimmen erhielt.

Und ebenfalls in 2004 führten die Anschläge auf Pendlerzüge in Spanien mit 191 Toten und mehr als 2000 Verletzten zu einem Überraschungssieg der dortigen Opposition. Diese zog daraufhin, wie von al-Qaida gefordert, die spanischen Truppen aus dem Irak ab.

Hinzu kommt, dass al-Qaida in den letzten zwölf Monaten eine beispiellose Medienkampagne gestartet hat und sich regelmäßig zu allen möglichen Themen, von der Vernichtung Israels bis zur Finanzkrise, geäußert hat. Ende September erschien das letzte Video, in dem Abu Jahja al-Libi, ein Mann aus der zweiten Reihe al-Qaidas, sich im Rahmen einer Predigt wünschte, Gott möge Bush und seine Republikanische Partei erniedrigen. Das war alles.

Die Frage stellt sich also, warum al-Qaida die Möglichkeit hat verstreichen lassen, weltweit die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und gegebenenfalls sogar die Präsidentschaftswahlen entscheidend zu beeinflussen. Dafür bieten sich eine Reihe möglicher Gründe und Szenarien an.

Dass das diesjährige Video zum 11. September erst am 14. September veröffentlich wurde, hat gezeigt, mit welch großen Schwierigkeiten die Medienabteilung al-Qaidas zu kämpfen hat. Neben Regierungsbehörden gelingt es auch privaten Hackern immer wieder, al-Qaida-freundliche Internetplattformen lahm zu legen. Vielleicht hat es also ein Video gegeben, welches aus technischen Gründen nicht rechtzeitig online gestellt werden konnte.

Der Grund, warum es keinen Anschlag in den USA gegeben hat, könnte darin liegen, dass Bin Ladens Truppe aufgrund des Verfolgungsdrucks im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet gegenwärtig nicht in der Lage ist, groß angelegte Anschläge durchzuführen. In den USA wurde in letzten Jahren zwar etwa ein Dutzend Gruppierungen festgenommen, die als von al-Qaida inspiriert gelten können. Diese bestanden aber nicht aus gut ausgebildeten Terroristen, sondern aus meist in den USA radikalisierten Extremisten ohne direkte Verbindung zur al-Qaida Zentrale. Die umstrittene Anti-Terror-Politik der Regierung Bush hätte somit dazu geführt, dass die USA vor Anschlägen weitgehend sicher sind.

Alternativ dazu ist denkbar, dass es vor der Wahl einen vereitelten Anschlag gegeben hat, dieser aber bisher nicht veröffentlicht wurde, um zu verhindern, dass al-Qaida Einfluss auf den Wahlausgang nimmt. Sollte dies der Fall sein, ist mit einer Bekanntmachung nicht vor der Amtsübergabe an Barack Obama im Januar 2009 zu rechnen.

Aber in welchem Sinne hätte al-Qaida überhaupt versucht, die Wahl zu beeinflussen?

Allgemein wird angenommen, dass John McCain der „Favorit“ der selbst ernannten Gotteskrieger gewesen wäre, weil er das Feindbild des „weißen Kreuzzüglers“ am Besten verkörpere. Außerdem wurde McCain unterstellt, er würde Georg W. Bushs Außenpolitik weitgehend unverändert weiterführen. Diese Konfrontation würde dann, nach der Logik bin Ladens, zu mehr Rekruten und mehr Spenden führen.

Gerade wenn diese Einschätzung zutreffen sollte, ist es umso verwunderlicher, dass al-Qaida nicht versucht haben soll, den ihnen nützlicheren Kandidaten zu unterstützen.

Eine andere These lautet, Barack Hussein Obama sei in Wahrheit der Favorit von al-Qaida. Denn Obamas Großvater und Vater waren Muslime, und im Islam wird die Religion vom Vater auf das Kind weiter gegeben. „Hussein“ ist zudem ein muslimischer Vorname. Associated Press hatte in diesem Jahr von Dokumenten berichtet, die zeigen würden, dass Obama, als er als Kind in Indonesien eine katholische Schule besuchte, als Moslem registriert war.

Tatsache bleibt, dass Obama seit langem praktizierender Christ ist. Die Frage, ob er in seiner Kindheit Moslem war, sollte sowieso keine Rolle spielen. Für Extremisten wie bin Laden und seine Anhänger gibt es jedoch nur eines, was ihnen mehr Zulauf und ein noch größeres Feindbild liefern würde als ein weißer Kreuzzügler: ein vom wahren Glauben abgefallener Ex-Moslem als US-Präsident.

Alexander Ritzmann ist Politischer Analyst und Senior Fellow bei der European Foundation for Democracy in Brüssel. Seine An- und Einsichten zum Islamismus erscheinen wöchentlich in der Kolumne „Dschihad auf Deutsch“.

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