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Muslime bekämpfen al-Qaida im Internet (Die Welt)

Mai 9, 2009

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 04.03.2009

Saudische Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass 17.000 Internetseiten die Ideologie der al-Qaida verbreiten. In den Chatrooms finden sich junge Männer, eher neugierig als radikal, die von den Anwerbern der „Gotteskrieger“ gezielt radikalisiert werden sollen. Doch es gibt auch einen Gegenpol.

In Saudi-Arabien waren Osama bin Laden, ein Saudi, und al-Qaida kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sehr populär. In den folgenden Jahren hat sich dies nach dutzenden Attentaten auf Saudis und Ausländer im Königreich ins Gegenteil verkehrt. Denn der saudische König wird von al-Qaida als „Agent“ der USA angesehen und soll gestürzt werden. Dies wäre der erste Schritt zum von bin Laden und seinen Anhängern angestrebten „Kalifat“, einem totalitären Gottesstaat im Nahen Osten.

Bemerkenswerterweise gab es neben den Reaktionen des Staates auch Initiativen Einzelner, die sich der extremistischen Ideologie al-Qaidas entgegenstellen wollten.

So starteten 2004 islamische Gelehrte das Projekt „Sakinah“ (Gelassenheit). Ziel war es, über das Internet radikalisierte Muslime wieder vom Extremismus abzubringen – das World Wide Web ist in den vergangenen Jahren zur wichtigsten Propaganda-, Finanzierungs- und Rekrutierungswaffe der selbst ernannten „Gotteskrieger“ geworden. Saudische Sicherheitsexperten gingen im Dezember 2007 davon aus, dass es 17.000 Internetseiten gibt, die die Ideologie von al-Qaida unterstützen. Dazu gehören offizielle Propagandaseiten, wie die von al-Qaidas Medienkomitee „As-Sahab“, genauso wie Homepages von Sympathisanten überall auf der Welt.

Mittlerweile arbeiten 70 Freiwillige bei Sakinah, darunter Rechtsgelehrte, Soziologen und Psychiater, die sich in zwei Gruppen teilen. Die eine archiviert extremistische Propaganda, um Denkweise und Ideologie der Extremisten so weit wie möglich zu erfassen und zu begreifen. Die zweite Gruppe unterwandert Chatrooms, verfolgt Diskussionen und schaltet sich dort selbst ein. Abdullah Ansary von der George Washington University zufolge sind die meisten Chatroomteilnehmer männlich, unter 25 Jahre alt und eher neugierig denn religiöse Fanatiker. Auf diese Gruppe hat es al-Qaida abgesehen: Deren Online-Rekrutierer sprechen die jungen Männer gezielt an, um diese zu radikalisieren.

Und genau da kommt Sakinah ins Spiel. Einer ihrer Gründer beschreibt das Ziel der Gruppe wie folgt: „Wir wollen uns mit denen unterhalten, die sich solidarisch mit terroristischen Anschlägen gezeigt haben, daran aber nicht beteiligt waren, um sie daran zu hindern, in der der Zukunft genau das zu tun. Denn diejenigen, die Solidarität bekunden, werden in der Zukunft wahrscheinlich zu Helfern oder Tätern.“

In den Chatrooms der al-Qaida Sympathisanten sprechen die Sakinah–Aktivisten, darunter sind selbst einige ehemalige Extremisten, dann kontroverse Themen an und laden diejenigen, die sich daraufhin melden, zu privaten Diskussionen ein. Diese können sich manchmal über Wochen oder Monate hinziehen und werden im Anschluss veröffentlicht.

Im Januar 2008 hatte Sakinah bekannt gegeben, dass mehr als 1500 islamistische Webseiten überwacht und analysiert werden würden und dass 722 Männer und 155 Frauen sich von al-Qaida abgewandt hätten. Ungefähr 70 % davon würden von der arabischen Halbinsel stammen, der Rest würde sich auf andere islamische Staaten und den Westen verteilen.

Diese Zahlen lassen sich natürlich kaum überprüfen. Kritiker unterstellen zudem, dass die Gruppierung doch nicht ganz ohne staatliche Unterstützung auskommen würde.

Viele Regierungen, darunter die deutsche, die britische, die amerikanische, die algerische und die kuwaitische, überwachen radikale Interplattformen, einige lassen ihre Mitarbeiter offen oder verdeckt in islamistischen Chatrooms operieren.

Am Beispiel von Sakinah wird jedoch deutlich, dass auch nichtstaatliche Akteure die Möglichkeit haben, sich zu engagieren. Und immer mehr Muslime verstehen, dass die Extremisten à la al-Qaida, Hisbollah, Hamas und Taliban ein Problem sind, mit dem sie sich aktiver als bisher auseinandersetzen müssen. Denn die meisten Opfer des islamistischen Terrorismus sind Muslime selbst. Wer sich al Qaida und Co. nicht anschließt, wird zum „Abtrünnigen“ erklärt und damit vogelfrei.

Auch in Deutschland gibt es dutzende Chatrooms, in denen sich Sympathisanten von Terrororganisationen austauschen. Vielleicht finden sich ja auch einige Muslime in Deutschland, zeigen Zivilcourage und leisten so ihren Beitrag im Kampf gegen die selbst ernannten „Gotteskrieger“.

Alexander Ritzmann ist Politischer Analyst und Senior Fellow bei der European Foundation for Democracy in Brüssel. Seine An- und Einsichten zum Islamismus erscheinen wöchentlich in der Kolumne „Dschihad auf Deutsch“.

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