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In Kanada werden radikale Islamisten „entgiftet“ (Die Welt)

Mai 9, 2009

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 18. Februar 2009

Radikale Muslime gelten in westlichen Ländern als potenzielle Gefährder. Sie könnten sich militanten Islamisten und ihren terroristischen Idealen anschließen. Kanada geht einen ungewöhnlichen Weg, um dem Problem zu begegnen. In Toronto versucht eine Moschee, Muslime, die mit al-Qaida sympathisieren, umzudrehen.

In Toronto, Kanada, bietet eine Moschee seit letzter Woche ein „12-Schritte Entgiftungsprogramm für Extremisten“ (12-step extremist detox program) an. Junge Muslime, die mit der Ideologie von al-Qaida sympathisieren, sollen damit „beraten und behandelt“ werden. Und besorgte Eltern, die sich nicht an staatliche Stellen wenden wollen, haben so die Möglichkeit, in der Moschee kompetente Ansprechpartner zu finden.

Laut Mohammed Shaikh, den Direktor der Masjid el Noor Moschee, basiert das Programm auf dem Gedanken, dass Extremismus theologisch bekämpft werden könne, indem man die düstere Vision der Extremisten durch eine alternative Interpretation des Islam ersetzt.

In Kanada hat es in den vergangenen Jahren mehrere fehlgeschlagene oder vereitelte Anschlagsversuche von kanadischen Muslimen gegeben. So sollte etwa der Premierminister ermordet und das Parlament gestürmt werden. Außerdem gibt es Verbindungen zu Terrorzellen in Großbritannien und mutmaßliche Anschlagspläne gegen US-amerikanische Ziele. Wie in allen westlichen Demokratien handelt es sich auch in Kanada nur um eine kleine, aber gefährliche Anzahl von Extremisten innerhalb einer sehr pluralistischen muslimischen Gemeinde.

Mohammed Shaikh ist ausgebildeter Mediator, ehemaliger Polizeigeistlicher und hat Erfahrung im Bereich Jugendkriminalitätsprävention. Das Team, welches das Programm umsetzen soll, besteht zudem aus Lehrern und Jugendarbeitern, die sich besonders auch um Konvertiten kümmern wollen.

Das 12-Punkte Programm behandelt unter anderem: Unter 2) Verse des Koran, die vom Frieden und guten Verhalten handeln. In 3) Wer ist Mohammed – Seine Barmherzigkeit, Freundlichkeit, Geduld und Demut. In 6) Erzählungen aus der Geschichte: Kontext und zugrunde liegende Faktoren. In 9) Andere Glaubensrichtungen: Gemeinsame Grundlagen, nicht Konflikte. Sowie unter 12) Aktiver Einsatz gegen extremistische Ideologien durch Bildung, öffentliche Auftritte und Publikationen.

Wichtig ist zudem die Auseinandersetzung mit einem Kernpunkt der al-Qaida Ideologie, nämlich dass der Islam durch eine christlich-jüdische Kreuzritterallianz unter Führung der USA angegriffen werde und es die moralische und religiöse Pflicht jeden Moslems sei, seinen Glauben zu verteidigen.

Außerdem sollen in dem „Entgiftungsprogramm“ die Schäden und das Leid, das durch Anschläge islamistischer Terroristen etwa in London, Madrid oder Mumbai angerichtet wurden, thematisiert werden.

In Europa gibt es wenig Vergleichbares, auch in Deutschland fehlen „Entgiftungs“- bzw. Entradikalisierungsprogramme. Zwar wird bei den Verfassungsschutzbehörden gerade über ein Aussteigerprogramm für Islamisten anlog dem EXIT-Programm für Neonazis nachgedacht und einige Imame und Verbände kooperieren bereits mit den Behörden.

Aber koordinierte Initiativen „Von Muslimen – Für Muslime“ mit der theologischen Autorität von Imamen versehen, die sich mit der islamistischen Ideologie auseinandersetzen und für Pluralismus, Freiheit und Demokratie werben, fehlen bisher.

Es wäre daher sinnvoll und wünschenswert, wenn sich einige der etwa 2400 Moscheegemeinden in Deutschland das Konzept aus Toronto einmal genau ansehen und dies als Chance begreifen würden, von den Erfahrungen der Kanadier zu lernen und zu profitieren. Denn die „Entgiftung“ hauptsächlich den deutschen Behörden zu überlassen wird nicht ausreichen, um radikalisierte Muslime in Deutschland wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen.

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Alexander Ritzmann ist Politischer Analyst und Senior Fellow bei der European Foundation for Democracy in Brüssel. Seine An- und Einsichten zum Islamismus erscheinen wöchentlich in der Kolumne „Dschihad auf Deutsch“.

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