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Der deutsche Afghanistan-Einsatz ist unverzichtbar (Die Welt)

Mai 9, 2009

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 29.Oktober 2008

Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan ist umstritten. WELT-ONLINE-Autor Alexander Ritzmann macht dafür auch das Versäumnis der Regierung zuständig, den Einsatz der Bevölkerung richtig zu erklären. Warum also sollen deutsche Soldaten in der Ferne ihr Leben riskieren?

Zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr gibt es mehr Fragen als Antworten. Und bei jeder schlechten Nachricht vom Hindukusch – und daran mangelt es nicht – wird über den Abzug der deutschen Soldaten diskutiert. Ein Grund für die permanente Rückzugsdebatte liegt darin, dass die Bundesregierung es von Anfang an versäumt hat, der Bevölkerung zu erklären, warum genau deutsche Soldaten zigtausend Kilometer entfernt von zuhause ihr Leben riskieren und auch verlieren. Auch jetzt, sieben Jahre nach dem Sturz der Taliban und der Vertreibung von al-Qaida, sind deutsche Soldaten immer noch dort. Können wir überhaupt gewinnen? Was bedeutet gewinnen und unter welchen Bedingungen ist ein „Sieg“ möglich?

Warum also engagiert sich Deutschland in Afghanistan?

Die Antwort ist klar: hauptsächlich zur Wahrung deutscher Sicherheitsinteressen.

Denn das Taliban-Regime hatte Afghanistan zu einem Zentrum des internationalen Terrorismus gemacht. Die Taliban boten al-Qaida Unterschlupf und Schutz, sodass diese weitgehend ungestört agieren konnte. Bin Ladens Truppe rekrutierte von dort aus Kämpfer, vernetzte sich, sammelte Geld und bereitete die Anschläge auf World Trade Center und auf die amerikanischen Botschaften in Tansania und Kenia 1998 vor. Gleiches gilt für den Angriff auf die „USS Cole“ im Oktober 2000 und die Anschläge in Washington D.C. und New York am 11.September 2001.

Das Taliban-Regime wurde dann im Dezember 2001 basierend auf einem Mandat der Vereinten Nationen gestürzt. Taliban und al-Qaida haben sich daraufhin in das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet zurückgezogen, von dem aus sie weiterhin, wenn auch unter massiv erschwerten Bedingungen, operieren.

Zudem wurde Afghanistan in den fünf Jahren der Talibanherrschaft in einen radikal-islamistischen Gottesstaat verwandelt. Musik, Sport, Bilder und Fernseher wurden verboten. Die Gesundheitsversorgung war katastrophal. Die meisten Schulen und Universitäten wurden geschlossen – Frauen wurde jegliche Bildung versagt. Sie durften fortan nur in Ganzkörperverschleierung (burqa) und männlicher Begleitung auf die Straße. Bei Zuwiderhandlung, etwa dem Zeigen der Fußgelenke, wurden die Frauen ausgepeitscht. Es war ihnen auch verboten laut zu lachen, denn für die Taliban lockt die Stimme der Frau die Männer ins Verderben. Wer verbotene Literatur besaß oder einen anderen Glauben annahm, wurde hingerichtet. Und Nicht-Muslime mussten sich einen gelben Stoffflecken an die Kleidung heften.

Auch wenn klar ist, dass humanitäre Gründe für den Einsatz der NATO nicht ausschlaggebend waren und sind, so stellen die Beiträge Deutschlands zum Wiederaufbau eine wichtige Säule für ein stabiles und sicheres Afghanistan dar. Und Deutschland kann seinem eigenen Anspruch, für Menschenrechte aktiv einzutreten, gerecht werden und das nicht nur durch die Verabschiedung von Resolutionen.

Deutschland hat jahrzehntelange enge Beziehungen zu Afghanistan und ist bei der dortigen Bevölkerung sehr beliebt. Die Aufbauleistungen der 40 NATO-Staaten und der afghanischen Regierung haben beispielsweise dazu geführt, dass 80 Prozent der Menschen Zugang zu medizinischer Grundversorgung haben. Sechs Millionen Kinder gehen heute wieder zur Schule, wozu 3500 Schulen wieder aufgebaut und 30.000 Lehrer ausgebildet wurden. Acht Millionen Minen wurden geräumt und 13.000 Kilometer Straße gebaut. Gerade für die afghanischen Frauen hat sich die Situation dramatisch verbessert, ist aber immer noch unzureichend.

Ein dritter wichtiger Grund für das deutsche Engagement liegt darin, dass ein Rückzug Deutschlands das außenpolitische Gewicht der Bundesrepublik drastisch reduzieren würde. Wer mitbestimmen will, muss auch mit leisten ist die klare Ansage von Großbritannien, Frankreich, den USA und anderen NATO-Partnern.

Wie jede andere Nation verfolgt Deutschland also eigene Interessen in Afghanistan. Ein Rückzug der NATO, bevor die gewählte afghanische Regierung in der Lage ist, die Sicherheit für die Bevölkerung zu gewährleisten und damit auch wirtschaftlichen Aufschwung zu ermöglichen, würde nach aller Wahrscheinlichkeit zu einem neuen Bürgerkrieg mit den Taliban als Siegern führen. Die Fortschritte im Bereich der Menschenrechte würden zurückgedreht, der Drogenanbau noch weiter steigen.

Deshalb braucht die afghanische Regierung die Unterstützung der NATO um sicherzustellen, dass Taliban und al-Qaida nicht zurückkehren. In einem talibangeführten Afghanistan fänden auch andere Terrororganisationen wie die Islamische Dschihad Union Unterschlupf und könnten, wie durch deren „Sauerland-Gruppe“ im letzten Jahr versucht, unter für sie besseren Bedingungen Anschläge in Deutschland planen.

Diese Gefahr soweit wie möglich zu reduzieren, ist im deutschen Interesse. Deshalb sind deutsche Soldaten in Afghanistan.

Alexander Ritzmann ist Politischer Analyst und Senior Fellow bei der European Foundation for Democracy in Brüssel. Seine An- und Einsichten zum Islamismus erscheinen wöchentlich in der Kolumne „Dschihad auf Deutsch“.

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