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Wie al-Qaida den Nachwuchs rekrutiert (Die Welt)

Oktober 22, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 1. Oktober 2008

24-Stunden Überwachung, Moscheebesuche, al-Qaida Propaganda: Ein jetzt aufgetauchtes Handbuch beschreibt, wie aus einem Muslim ein Dschihadist wird. Wichtiger als die Ausbildung ist der richtige Kandidat. Bevorzugter Nachwuchs: religiös ungebildete und damit leichter beeinflussbare Rekruten.

Die Frage, was einige Muslime dazu bringt, sich dem Todeskult von al-Qaida, der Hisbollah, der Hamas oder einer anderen, einer pseudo-religiösen Ideologie anhängenden Terrororganisation anzuschließen, wird immer wieder aufs Neue diskutiert. Aber um der Nachwuchsgewinnung der selbsternannten „Gotteskrieger“ (Dschihadisten) entgegenwirken zu können, ist es notwendig, deren Strategien und Denkansätze zu verstehen.

Vor einigen Tagen nun ist im Internet ein Handbuch zur Rekrutierung von “Gotteskriegern” aufgetaucht. Das 51-seitige Dokument, von einem gewissen Abu Amr al-Qaedi verfasst, trägt den Titel: „Die Kunst der Rekrutierung” und unterteilt die Verwandlung von Mohammed-Normal-Muslim in einen Terroristen in drei Phasen. Am Ende des Prozesses steht dann das Mitglied einer Terrorzelle.

Al-Qaedi schreibt, es sei Ziel des Handbuches, „den Kandidaten in einen frommen und hervorragenden Dschihadisten (zu verwandeln), der die Grundlagen des Dschihad versteht und Teil des siegreichen Kults wird.“

Dafür sei der direkte Kontakt zwischen dem Rekrutierer und dem Nachwuchs wichtig, um aus dem Kandidaten ein „gottesfürchtiges Mitglied“ zu formen. Der Rekrutierer könne so auch gleich Zweifel ausräumen und auf möglichen Frust direkt eingehen.

Bevor mit der Ausbildung begonnen wird, müssen jedoch zunächst geeignete Kandidaten gefunden werden. Bevorzugt würden nicht-religiöse Muslime bzw. Muslime ohne tiefere Kenntnisse des Islam, die muslimische Jugend, Konvertiten und natürlich Sympathisanten.

Gemieden werden sollten Großschwätzer, illoyale Typen, Anhänger konträrer Ideologien, Geizhälse und sozial auffällige Personen.

Ausschau gehalten wird nach höflichen, großzügigen, ehrlichen und solchen Muslimen, die die islamischen Rituale wie fünf Mal täglich Beten und Fasten befolgen. Außerdem sollten diese sozial akzeptiert sein und Führungsstärke zeigen.

Nach der Auswahl folgen dann gemeinsame Moscheebesuche, Mittagessen, die der Rekrutierer bezahlt, und Geschenke an den Kandidaten. Es wird offen über die dschihadistische Ideologie gesprochen und ein genaues Augenmerk auf das soziale Umfeld des Kandidaten gelegt. Denn: Der Rekrutierer muss 24 Stunden am Tag wissen, wo und mit wem sich der Kandidat aufhält. Diese zweite Phase soll ein bis zwei Wochen dauern.

In der dritten Phase soll der „Glaube“ des Kandidaten an al-Qaidas extremistische Interpretation des Korans geweckt werden. Dazu betont der Rekrutierer die Wichtigkeit religiöser Rituale und versucht, dem Kandidaten schlechte Angewohnheiten auszutreiben. Außerdem wird das Konzept von Himmel und Hölle detailiert unter Hervorhebung der himmlischen Jungfrauen als Belohnung und der Bestrafung im Höllenfeuer erklärt.

Hinzu kommen gemeinsames Lesen von Büchern, die den Dschihad behandeln, und natürlich die Lektüre von al-Qaida Propaganda, insbesondere die Ausführungen Osama bin Ladens und seines Stellvertreters Ayman al-Zawahiri. Die Vorführung von Videoclips durchgeführter Terroranschläge sowie das Hören bestimmter extremistischer Prediger runden die letzte Phase ab.

Der Leistungskatalog des Dschihad ist nicht zu unterschätzen. Wer vom Muslim zum Dschihadisten mutiert, findet sich unmittelbar in einer Gruppe wieder, die sich als Elite versteht. Dort wird man als Bruder aufgenommen, umsorgt und akzeptiert. Als „Gotteskrieger“ kämpft man für etwas, das größer ist als man selbst, man lebt ein Leben frei von Zweifeln, kennt die eine Wahrheit und weiß, wer Freund und wer Feind ist. Durch die vollständige Unterwerfung unter die Ideologie bekommt der Dschihadist quasi ein neues Leben geschenkt.

Und er befindet sich in einer persönlichen Win-Win-Situation. Es gibt nämlich nur zwei Szenarien: Entweder die Heiligen Krieger des Islam besiegen die Ungläubigen oder sie sterben auf dem Weg dorthin und werden zu Märtyrern. Dann sind ihnen ein Sitz neben Allah und 72 Jungfrauen versprochen.

Und doch entscheidet sich nur eine verschwindend geringe Minderheit der Muslime zum Krieg gegen die Ungläubigen und es ist wichtig zu verstehen, dass Extremisten gerade nach religiös ungebildeten und damit leichter beeinflussbaren Rekruten Ausschau halten. In einer Zeit, in der jeder einzelne Terrorverdächtige zum Medienereignis wird muss deshalb noch stärker als bisher zwischen dem Todeskult der Terroristen und dem Islam als Religion von mehr als einer Milliarde Menschen unterschieden werden. Dabei kommt den Medien eine entscheidende Rolle zu.

Alexander Ritzmann ist Politischer Analyst und Senior Fellow bei der European Foundation for Democracy in Brüssel. Seine An- und Einsichten zum Islamismus erscheinen wöchentlich in der Kolumne „Dschihad auf Deutsch“.

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