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Wie al-Qaida das Internet ausnutzt (Die Welt)

Oktober 22, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 8. Oktober 2008


Wenn die Terrororganisation al-Qaida ihre Anhänger informierten will, macht sie das inzwischen über das Internet in einer Videobotschaft. Dort werden nur Siege in Folge gemeldet, die US-Regierung sei grandios gescheitert. Doch stimmt die Jubelpropaganda überhaupt?

Wenn die Führung von al-Qaida mit der Welt kommunizieren will, dann gibt sie keine Pressekonferenz, sondern veröffentlicht Beiträge in einschlägigen Internetforen.

Die amerikanische Jamestown-Foundation berichtet nun, dass sich der „Medienkoordinator“ von al-Qaida, der Ägypter Muhammad Khalil al-Hakaima, vor wenigen Wochen mit strategischen Überlegungen zu Wort gemeldet hat. Die zentrale Botschaft lautet: Al-Qaida sei erfolgreich und der Organisation gehe es glänzend.

So sei es gelungen, die US-Truppen überall auf der Welt zu zerstreuen, und man habe damit die Pläne der US-Regierung zunichte gemacht, den Nahen Osten neu zu gestalten. Außerdem habe das Töten von Muslimen durch die USA Muslime weltweit dazu gebracht, sich gegen die Amerikaner zu erheben und al-Qaida beizutreten.

Und: Man habe es satt, dass Analysten behaupten würden, das Ende von al-Qaida sei nahe. Würden diese denn nicht verstehen, dass al-Qaida auf jedem Schlachtfeld gewonnen habe?

Denn frei nach dem Motto „Viel Feind, viel Ehr“ rühmt sich al-Hakaima, man habe es geschafft, nicht nur lokale Sicherheitsbehörden, sondern gleich die „gesamte globale Sicherheitsmaschinerie“ gegen sich aufzubringen. Al-Qaida werde immer stärker und sei weiter in der Lage, Anschläge durchzuführen. Er fährt fort, die Angriffe des Westens hätten sogar zu einer stärkeren Unterstützung durch Muslime geführt, und bringt das Beispiel eines kleinen Mädchens, das ihm einen Dollar mit dem Hinweis gegeben habe, es wolle Amerikaner und Juden töten, weil diese die Muslime bekämpfen würden.

Außerdem sei man militärisch erfolgreich und weitere große Anschläge stünden kurz bevor.

In Palästina beispielsweise rühmt sich al-Qaida, das Interesse der Weltöffentlichkeit durch den 11. September 2001 erst auf den palästinensisch-israelischen Konflikt gelenkt zu haben. Außerdem habe man die Friedensverhandlungen zunichte gemacht, denn die Juden müssten ganz aus Palästina verschwinden.

Im Irak sei man erfolgreich dabei, ein Kalifat zu errichten – das erste seit der Abschaffung des osmanische Kalifats durch Mustafa Kemal Atatürk 1924 – und in Afghanistan wolle man demnächst Kabul einnehmen, um dann gemeinsam mit den Taliban wieder zu herrschen. Weitere ausschließlich positive Bewertungen der Lagen auf der arabischen Halbinsel, in Pakistan und Afrika schließen sich an.

In naher Zukunft werde man sich darauf konzentrieren, jeglichen amerikanischen Einfluss, sei er militärisch, diplomatisch oder wirtschaftlich, zurückzudrängen und die Regierungen der mit dem Westen kooperierenden Regime wie Ägypten, Jordanien und Pakistan zu stürzen beziehungsweise deren führende Köpfe zu ermorden.

Was steckt hinter dieser Aneinanderreihung angeblicher Erfolge?

Dieses „Strategiepapier“ ist offensichtlich Bestandteil des Propagandafeldzuges von al-Qaida.

Durch die guten Nachrichten soll beim Leser der Eindruck erweckt werde, es reihe sich Erfolg an Erfolg und man solle sich den baldigen Siegern besser jetzt anschließen oder sie zumindest finanziell unterstützen, denn: Wer zu spät kommt, den bestraft al-Qaida!.

Doch nüchtern betrachtet bleibt von al-Qaidas scheinbar positiver Bilanz wenig übrig. Der Haupterfolg von Osama bin Ladens Terrortruppe besteht darin, überhaupt noch als Organisation zu existieren. Auch die Tatsache, dass bin Laden bis heute nicht gefasst wurde, kann al-Qaida auf der Habenseite verbuchen. Aber weder haben sich die muslimischen Massen erhoben, um al-Qaida zu unterstützen – die Umfragewerte befinden sich seit Jahren im freien Fall – noch ist von einem al-Qaida Kalifat im Irak irgendetwas zu sehen. Allein in Afghanistan hat sich die Lage aus Sicht von al-Qaida in den letzten zwei Jahren verbessert; gemeinsam mit den Taliban kontrollieren sie wieder einige Provinzen.

Deswegen ist es wichtig, dass sich NATO und UNO – und damit auch Deutschland – weiter engagieren und die gewählte afghanische Regierung unterstützen. Nur somit kann sichergestellt werden, dass Afghanistan nicht wieder ein Zentrum des internationalen Terrorismus und dramatisches Beispiel für die barbarische Unterdrückung der eigenen Bevölkerung wird.

Alexander Ritzmann ist Politischer Analyst und Senior Fellow bei der European Foundation for Democracy in Brüssel. Seine An- und Einsichten zum Islamismus erscheinen wöchentlich in der Kolumne „Dschihad auf Deutsch“.

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From → al-Qaida, Allgemeines

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