Skip to content

Warum die Finanzkrise auch al-Qaida schadet (Die Welt)

Oktober 22, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 22. Oktober 2008


Gute Bilanzen trotz weltweiter Finanzkrise: Aufgrund wirksamer Maßnahmen gegen den internationalen Terrorismus ist es Hamas, Hisbollah, den Taliban oder al-Qaida kaum möglich, das offizielle Bankensystem zum Transfer oder zur Anlage von Geldern zu nutzen. Doch die weltweite Bankenkrise betrifft sie trotzdem.

Islamistische Extremisten haben unisono Investmentbanker und Spekulanten von jeder Schuld an der gegenwärtigen Finanzkrise freigesprochen. Diese sei vielmehr eine Strafe Allahs – da sind sich die selbsternannten Gotteskrieger einig. Die palästinensische Hamas verkündet, die USA würden für ihre Besetzung Iraks und Afghanistans sowie ihre Unterstützung Israel s abgestraft. Denn: Nichts sei ungerechter als einen islamischen Staat zu besetzen.

Ein al-Qaida-Sprecher läutet – zum wievielten Mal schon? – den Untergang des amerikanischen „Imperiums“ ein. Die Feinde des Islam steuerten einer vernichtenden Niederlage entgegen, deren Anfang die Finanzkrise sei. Auch er sieht die Schuld in den „fehlgeschlagenen Kreuzzügen“ in Afghanistan, Pakistan und dem Irak. Al-Qaida wirbt zudem für ein Finanzsystem auf Grundlage der Scharia, das Zinsen, Gier und Ungerechtigkeiten verbieten würde.

Die islamistischen Extremisten haben gut reden. Aufgrund wirksamer Maßnahmen gegen den internationalen Terrorismus – hier im Finanzbereich – ist es Hamas, Hisbollah, den Taliban oder al-Qaida heute kaum noch möglich, das offizielle Bankensystem zum Transfer oder zur Anlage von Geldern zu nutzen. Aber heißt das auch, dass sie unter der Krise nicht leiden?

Nun, Haupteinnahmequellen von al-Qaida und den Taliban sind die Erlöse aus der Drogenproduktion in Afghanistan sowie Spenden meist aus der arabischen Welt.

Dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung zufolge hat sich der Drogenanbau in Afghanistan seit 2001 verzwanzigfacht. Hinzu kommen massive technische Verbesserungen bei der Herstellung von Opium, Heroin und Cannabisprodukten. Dies führt laut Schätzungen amerikanischer Drogenexperten zu Einnahmen von bis zu 800 Millionen US-Dollar pro Jahr für Taliban und al-Qaida.

Aufgrund der intensiven Kontrollen des offiziellen Finanzsystems wird das Geld meist jedoch durch das Hawala-System, das seit Jahrhunderten rein auf Vertrauen basierend funktioniert, weitergeleitet. Weltweit sollen so etwa 200 Milliarden US-Dollar ohne jede rechtliche und staatliche Kontrolle oder Genehmigung verschoben werden.

Die Hamas wird weitgegend durch arabische Geldgeber, Spenden und durch den Iran finanziert. Dieser, obwohl Vertreter des schiitischen Islam, unterstützt die sunnitische Hamas, weil beide das Ziel der „Befreiung Jerusalems“ – also die Vernichtung Israels – verfolgen.

„Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ ist auch die Grundlage der intensiven Kooperation der schiitischen und vom Iran abhängigen libanesischen Hisbollah mit der Hamas und dem Palästinensischen Islamischen Dschihad.

Der Iran selbst finanziert 80 Prozent seines Staatsbudgets, inklusive seiner Unterstützung von Terrororganisationen, durch Erdölverkäufe. Er hat wie Saudi-Arabien und andere Golfstaaten von der Verdopplung des Ölpreises in den letzten Jahren profitiert. Der Absturz um fast 50 Prozent in den vergangenen Monaten als Resultat der Finanzkrise hat diese ölexportierenden Länder trotzdem massiv beeinträchtigt.

So trifft die Finanzkrise dann doch auch die islamistischen Extremisten, denn ihre Finanziers und Sponsoren haben weniger Geld zur Verfügung. Langfristig wird es aber nur durch eine geringere Abhängigkeit vom Erdöl und eine wirksamere Drogenanbaubekämpfung gelingen, den Extremisten den Geldhahn zuzudrehen.

Alexander Ritzmann ist Politischer Analyst und Senior Fellow bei der European Foundation for Democracy in Brüssel. Seine An- und Einsichten zum Islamismus erscheinen wöchentlich in der Kolumne „Dschihad auf Deutsch“

Advertisements

From → al-Qaida, Allgemeines

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: