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Warum ein Mensch zum Terroristen wird (Die Welt)

August 30, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 27.08.2008

Sie sind nicht verrückt, sie wurden keiner Gehirnwäsche unterzogen und sie sind selten streng religiös: Eine neue Studie erklärt, warum ein Mensch zum Terroristen wird. Radikalisiert werden Terroristen nicht wie gedacht im Internet, sondern in der Familie. Und die Medien tragen eine Mitschuld.

Warum wird man Terrorist? Die richtige Beantwortung dieser Frage ist gewiss auch allgemein von großem Interesse, vor allem aber ist sie ein elementarer Bestandteil einer erfolgreichen Anti-Terror Strategie.

Vergangene Woche wurde ein vertrauliches Papier des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 publik, das sich genau damit beschäftigt. Das hausinterne „Referat für Verhaltensforschung“ widmete sich darin den „Ursachen von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus“.

Der Bericht enthält einige interessante Neuigkeiten:

Grundlage des Papiers sind Fallstudien von mehreren Hundert gewaltbereiten islamistischen Extremisten, die, von der Finanzierung bis zum Selbstmordattentat, an terroristischen Aktivitäten beteiligt waren.

Wie andere Studien, z.B. die Arbeiten von Marc Sageman, kommt das MI5 zu dem Ergebnis, dass islamistische Terroristen in der Regel weder verrückt sind noch einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Sie sind zudem religiös eher ungebildet und – wenn älter als 30 Jahre – sind sie verheiratet und haben Kinder.

Nach ihrer Motivation gefragt nennen sie gefühlte oder tatsächliche Ungerechtigkeiten gegenüber Muslimen weltweit und den angeblichen Krieg gegen den Islam als für sie ausschlaggebend. Islamistische Terroristen in Großbritannien sind meist britische Staatsbürger, weder arm und ungebildet noch gesellschaftlich privilegiert. Überproportional viele gewaltbereite Islamisten sind ehemalige oder aktive durchschnittliche Kriminelle, einige von ihnen wurde gezielt in Gefängnissen rekrutiert.

Während Drogendealer oder Diebe oft versuchten, durch fanatischen „Glauben“ ihre Sünden wettzumachen, ziehen Vergewaltiger oder Schläger gerade die dem Terrorismus innewohnende Gewalt an.

Neu ist die Erkenntnis, dass nicht etwa das Internet die Hauptrolle bei der Radikalisierung spiele. Das Internet diene zwar als wichtiges Hilfsmittel gerade bei der Verbreitung der islamistischen Ideologie; alle untersuchten Fälle seien aber letztlich durch Rekrutierer – etwa einen Bekannten oder ein Familienmitglied radikalisiert worden und mittlerweile nur noch selten durch radikale Imame.

Das MI5-Papier benennt zudem auch soziale Faktoren, die zur Radikalisierung beitrügen. So hätten etwa die überdurchschnittlich gut ausgebildeten Extremisten häufig keine entsprechenden Jobs bekommen. Andere berichteten davon, dass ihre alltägliche Diskriminierungserfahrung sie wütend gemacht habe. Dies klingt zunächst nachvollziehbar. Marc Sageman, selbst Psychologe und Politischer Berater, argumentiert jedoch, dass solche Gründe meist im Nachhinein konstruiert würden, um das eigene Handeln zu rechtfertigen. Für Sagemans These spricht, dass Millionen von Einwanderern, die auch Opfer von Diskriminierung wurden, sich nicht zu Extremisten entwickelt haben.

Es müssen offensichtlich verschiedene der genannten Faktoren zusammenkommen. Zudem bieten islamistische Terroristen eine Art „all-inklusive“-Paket an: Mitgliedschaft bei einer (selbsternannten) Elite, Kämpfer für eine (angeblich) gerechte Sache, Popstarstatus innerhalb der radikalisierten Bevölkerung, Heiratsvermittlung, klare Regeln und einfache Feindbilder. Und paradiesische Verlockungen gibt es noch oben drauf.

Laut MI5 spielt auch die Berichterstattung der Medien eine große Rolle, die Vorurteile gegenüber Muslimen verbreiten und damit verfestigen würden. Richtig ist, dass man die Schlagzeile: „Auch heute wieder gingen Millionen von Muslimen ganz normal zur Arbeit“ kaum finden wird. In den letzten Jahren gibt es jedoch immer mehr differenzierte Berichterstattung. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Insbesondere die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus, Religion und pseudoreligiöser, in Wahrheit aber bloßer Ideologie ist wichtig. Ebenso die Tatsache, dass fundierte religiöse Kenntnisse eher vor Radikalisierung schützen, weil man Hass predigenden Rekrutierern nicht so leicht auf den Leim geht.

Gerade diese Rekrutierer sind der Knackpunkt, die Achillesferse der gewaltbereiten Islamisten. Ein konsequentes Vorgehen gegen sie kombiniert mit der Förderung demokratisch gesinnter und in ihren Communities aktiver Muslime ist daher ein Schlüssel zu Erfolg.

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