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Warum Muslime nicht gleich Terroristen sind (Die Welt)

August 21, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 20.08.2008

Die Öffentlichkeit bemängelt immer wieder, dass sich Muslime nicht deutlich genug vom Terror, der im Namen ihrer Religion begangen wird, distanzieren. Dabei hat der normale Moslem mit al-Qaida so viel zu tun wie der normale Deutsche mit den Neonazis: nichts. Trotzdem geraten moderate Muslime in Erklärungsnot.

Als Muslim hat man es nicht leicht. Immer wieder werden in der Öffentlichkeit Parallelen zwischen islamistischen Extremisten und einfachen Gläubigen gezogen. Doch der Vergleich ist hanebüchen und nicht gerechtfertigt.

Und wenn sich trotzdem, so wie vor einigen Monaten geschehen, eine der drei großen Schulen des sunnitischen radikalen Islam zum Terrorismus positioniert, wird sie weitgehend ignoriert.

In Sicherheitskreisen wird aktuell heftig diskutiert, ob die Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) der indischen Darool-Uloom Deoband, kurz Deobandi genannt, nicht den Untergang von al-Qaida und den Taliban bedeuten könnte. Denn die islamistische Ideologie der afghanischen Taliban etwa basiert auf den Lehren der 150 Jahre alten Schule der Deobandi, die Einfluss auf Hunderte von Madressen (Koranschulen) in Indien und Pakistan ausübt. Neben den saudischen Wahhabiten und den ägyptischen Muslimbrüdern gilt sie als Kaderschmiede des radikalen Islam.

Die gute Nachricht zuerst: Bei der Deobandi-Konferenz in der indischen Hauptstadt Delhi im Februar diesen Jahres wurde beschlossen, dass Terrorismus mit dem Islam unvereinbar sei. Weiter heißt es: Der “Islam ist eine Religion des Friedens und der Sicherheit. In seinen Augen sind die Verbreitung des Bösen, Aufstände, Verletzung des Friedens, Blutvergießen, das Töten Unschuldiger und das Plündern die unmenschlichsten Verbreche“.

Die Kernfrage lautet nun: Welche Auswirkungen hat dieser Text, der mit der Zustimmung von mehr als 10.000 Repräsentanten indischer Religionsschulen beschlossen wurde? Das hängt unter anderem davon ab, was unter dem Begriff „unschuldig“ verstanden wird.

Die Fatwa selbst liefert keine Definition. Das ist die schlechte Nachricht.

Auch Osama bin Ladens al-Qaida, Hassan Nasrallahs pro-iranische Hisbollah oder Khaled Meshals palästinensische Hamas lehnen es ab, „Unschuldige“ zu töten. Schuldig ist aber nicht etwa derjenige, der von einem Gericht rechtmäßig verurteilt wurde, sondern wer zum Feind erklärt wird oder aus ideologischen Gründen als Sündenbock herhalten muss. Für bin Laden, Nasrallah und Meshal kann beispielsweise ein Jude nicht unschuldig sein. Erstens, weil die Juden gegen den Propheten Mohammed gekämpft haben, und zweitens, weil nach Lesart der Terrorchefs der Koran zur Ermordung der Juden aufruft. Gleiches gilt natürlich für die Israelis. Da in Israel die allgemeine Wehrpflicht für Männer und Frauen gilt, erklärt der Vordenker der angeblich moderaten Muslimbruderschaft, Jussuf al Kardawi, alle Israelis für schuldig: Auch Babies werden irgendwann Soldaten.

Die Hisbollah hatte in der Vergangenheit etwa 100 Ausländer, meist Zivilsten wie die Deutschen Rudolf Cordes, Alfred Schmidt, Heinrich Strübig und Thomas Kemptner entführt. Und Bin Laden erklärt alle Wahlberechtigten eines Landes, welches sich seinen Forderungen nicht beugt, als schuldig, weil diese durch Wahlen die Regierung stützen würden.

Kurzum: Solange nicht geklärt ist, wer und was unter „unschuldig“ zu verstehen ist, ist eine Fatwa, die das Töten Unschuldiger verbietet, mit großer Vorsicht zu genießen.

Sollten die Deobandi, die Muslimbrüder, die Wahhabiten oder für die Schiiten Ayatollah Khamenei irgendwann soweit sein, nicht abstrakt und diffus Terrorismus, sondern konkret terroristische Organisationen zu verurteilen, dann hätte dies sicherlich unmittelbar negative Konsequenzen für Taliban, al Qaida, Hamas und Hisbollah.

So lange sich aber militante Islamisten genauso hinter diese Fatwa stellen können wie muslimische Reformer, bleibt sie eine leere Hülle.

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