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Al-Qaida wird von eigenen Kämpfern verraten (Die Welt)

August 7, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 18.06.2008

Das Terrornetz Osama bin Ladens muss sich Kritik von ehemaligen Mitstreitern gefallen lassen. Selbst Männer, die einst im Führungszirkel mitwirkten, stellen sich jetzt offen gegen al-Qaida. Sie glauben, dass bin Ladens Vorgehen den Muslimen schadet. Doch die Terrordissidenten sind deshalb noch lange keine Demokratiefreunde.

Jede Ideologie produziert irgendwann Zweifler und Kritiker aus den eigenen Reihen. Der Islamismus bildet hier keine Ausnahme. Noman Bentoman beispielsweise hatte als Anführer der „Libyschen islamischen Kampfgruppe“ viele Jahre lang versucht, Muammar Gaddafi zu stürzen, um ein islamistisches Regime zu errichten. Heute sagt Bentoman laut einem Bericht der Zeitschrift „The New Republic“, er habe bereits im Sommer 2000 zu Osama bin Laden gesagt, dass die dschihadistische Bewegung gescheitert sei.

Bentoman bezog sich damit insbesondere auf den algerischen Bürgerkrieg in den 90er-Jahren, der mehr als 100.000 Menschen das Leben gekostet hatte und seiner Ansicht nach dazu führte, dass die Dschihadisten den Rückhalt in der Bevölkerung verloren. Bentoman vermittelt heute zwischen der libyschen Regierung und seinen ehemaligen Kampfgefährten mit dem Ziel, dass sich letztere vom bewaffneten Kampf und al-Qaida lossagen.

Auch einer der Paten des militanten Islamismus, Sayyid Imam al-Sharif, hat sich 2007 gegen al-Qaida ausgesprochen. Der als Dr. Fadl bekannte Ägypter hatte vor 20 Jahren zwei Standardwerke des Dschihadismus geschrieben, war Chef des Islamischen Dschihad und Mitglied in al-Qaidas oberstem Führungsrat. Mit Dr. Fadls Schriften wurden zehntausende Muslime indoktriniert und das Töten von Nicht-Muslimen und andersdenkenden Muslimen gerechtfertigt. Nun fragt er al-Qaida: „Was bringt es, wenn man eines der Gebäude des Feindes zerstört und er dann eines deiner Länder zerstört? Was bringt es, wenn man einen dieser Leute umbringt und er 1000 deiner?“

Scheich Salman al-Oudah, ein populärer saudischer Religionsgelehrter und ehemaliger Mentor bin Ladens, fragte ebenfalls letztes Jahr in einem viel beachteten offenen Brief „Mein Bruder Osama, wie viel Blut wurde vergossen? Wie viele unschuldige Menschen, Kinder, Alte und Frauen wurden getötet im Namen von al-Qaida?“ Derselbe al-Oudah hatte noch 2004 einen Aufruf unterzeichnet, der es zur Pflicht machte, die US-Truppen im Irak zu bekämpfen. Nun erklärt er, dass al-Qaida den Muslimen nur Übles gebracht habe.
In Indonesien versucht Nasir Abas, ein ehemaliges Führungsmitglied der Jemaah Islamiah, die Teil des al-Qaida-Netzwerks ist, militante Islamisten davon zu überzeugen, dass Anschläge auf Zivilisten im Islam verboten sind.

Muslime mussten sterben, weil sie Sunniten waren

Es gibt Dutzende weitere hochrangige Vertreter des militanten Islamismus‘, die sich von al-Qaida abgewendet haben – auch in Europa. Gerade vor vier Wochen gründeten ehemals hochrangige Mitglieder der extremistischen Hizb-ut Tahrir in Großbritannien die erste muslimische Denkfabrik, die sich gegen Radikalisierung und für Pluralismus und Respekt einsetzt: die Quilliam Foundation. Diese will den andalusischen, westlichen Islam wiederbeleben und warnt explizit vor den Gefahren des aus Asien oder dem Nahen Osten importierten Islamismus‘. Die Organisation wird dabei von hochrangigen Geistlichen wie Scheich Ali Goma, dem Mufti von Ägypten, unterstützt.

Während die Quilliam Foundation jede Form von Islamismus ablehnt – sie bezeichnet beispielsweise den gewaltlosen Islamismus als Nährboden für Selbstmordattentäter -, halten die oben genannten Dissidenten am Ziel der Errichtung eines Gottesstaates fest. Sie bemängeln jedoch, dass al-Qaida keine Erfolge vorzuweisen und beispielsweise im Irak 10.000 Muslime nur deshalb getötet habe, weil sie Schiiten waren. Dasselbe Schicksal teilten Hunderte von Sunniten, die mit al-Qaidas Vorstellungen nicht einverstanden waren.

So ist dann auch Kamal El Helbawy von den britischen Muslimbrüdern zu verstehen, wenn er sagt, man müsse die Radikalen davon überzeugen, dass ihr Dschihad nicht ins Paradies führe. Denn neben al-Qaida sehen selbst Radikale wie die Moslembrüder plötzlich aus wie moderate Muslime.

Und doch schwächt diese ansteigende Welle von Dissidenten al-Qaida und damit den militanten Islamismus insgesamt. Man muss sich nur stets klar darüber sein, dass die meisten Kritiker bin Ladens nicht etwa Demokraten, sondern vielmehr selbst Feinde von Pluralismus und freiheitlicher Demokratie sind.

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From → al-Qaida, Allgemeines

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