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Wie Terroristen Behinderte missbrauchen (Die Welt)

Juni 11, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 04.06.2008


In den vergangenen Wochen häufen sich die Fälle von psychisch kranken Selbstmordattentätern, die Anschläge verüben. Behörden fürchten jetzt, dass Terroristen gezielt versuchen, behinderte Menschen zu rekrutieren. Ihre Hilfslosigkeit lasse sich leicht für politisch-religiöse Ziele missbrauchen.

Vor zwei Wochen im englischen Exeter: Der 22jährige zum Islam konvertierte Nicky Reilly machte sich mit in einem Rucksack verstauten Sprengsätzen in das Restaurant „Giraffe“ auf. Dieses gehört britischen Juden und war, wie zur Mittagszeit üblich, voll besetzt. Als Reilly sich auf die Toilette zurückzog, um einen der aus Chemikalien und Nägeln bestehenden Sprengsätze scharf zu machen, explodierte dieser und verletzte ihn schwer. Freunde und Nachbarn des unter Autismus leidenden Reilly sind auch deshalb über die Tat entsetzt, weil der als „großer, freundlicher Riese“ beschriebene Mann den Verstand eines Zehnjährigen besitzen soll und ihm niemand die Tat zugetraut hat. Nach bisherigem Stand der Ermittlungen war er von einem al-Qaida Rekrutierer radikalisiert worden.

Der britische Inlandsnachrichtendienst MI5 befürchtet nun, al-Qaida und andere Terroristen würden versuchen, gezielt Menschen mit psychischen Störungen zu rekrutieren, um eine neue „Brigade“ von Selbstmordattentätern aufzubauen.

Nachdem in der Vergangenheit hauptsächlich überdurchschnittlich gebildete Männer Selbstmordanschläge verübt hatten, nutzen Gruppen wie die palästinensische Hamas oder der Palästinensische Islamische Dschihad seit einigen Jahren auch Frauen und Kinder als lebende „smart bombs“. Grund dafür ist, dass diese weniger intensiv kontrolliert werden und somit größeren Schaden anrichten können.

Die Rekrutierung des Autisten Nicky Reilly basiert auf dieser Strategie und ist kein Einzelfall.

So verübten der irakischen Armee zufolge im Februar dieses Jahres zwei an Depression und Schizophrenie leidende Frauen im Auftrag al-Qaidas Selbstmordanschläge auf Straßenmärkten in Bagdad, bei denen mehr als 100 Menschen getötet wurden. Es ist unklar, ob die Frauen wirklich wussten, was sie taten, oder ob die Sprengsätze mit Fernzündern zur Explosion gebracht wurden.

Und am vergangenen Samstag dann wurde ein Mann in der Nähe des im Libanon gelegenen palästinensischen Flüchtlingslagers Ain al-Hilweh von Soldaten erschossen. Nach Angaben der libanesischen Armee trug er einen Sprengstoffgürtel und hatte eine Granate in der Hand. Die Tatsache, dass der Selbstmordattentäter durch das offensichtliche Tragen einer Granate die Soldaten auf sich aufmerksam gemacht hat, kann wohl damit erklärt wurden, dass er Zeugen zufolge unter einer psychischen Störung litt.

Ende Februar diesen Jahres sprengte sich im irakischen Samara ein Rollstuhlfahrer in die Luft, und bei den irakischen Parlamentswahlen 2005 soll ein am Down Syndrom erkranktes Kind in einem Wahllokal einen Selbstmordanschlag verübt haben.

Taliban missbrauchen Hilfslosigkeit
Basierend auf den Autopsien von Selbstmordattentätern in Afghanistan haben gar mehr als 80% der Täter unter psychischen Störungen oder körperlichen Behinderungen gelitten.
Die Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit dieser Menschen wird von den selbsternannten „Widerstandskämpfern“ der Taliban, al-Qaidas oder der Hamas für ihre eigenen politisch-religiösen Ziele missbraucht.
Der dabei praktizierte Todeskult manipuliert Menschen mit dem Versprechen, von allen weltlichen Leiden befreit auf Ewigkeit im Paradies zu leben. Außerdem werden die Hinterbliebenen der „Märtyrer“ finanziell versorgt.

Al-Qaida beispielsweise legt bei seinen öffentlichen Verlautbarungen immer besonderen Wert darauf, dass man Unschuldige, wenn überhaupt, nur unabsichtlich töte. Man sei vielmehr der legitime Fürsprecher der unterdrückten Muslime. Beim Kampf um die „Herzen und Köpfe“ der Muslime muss deshalb stärker als bisher herausgestellt werden, dass Osama Bin Laden eben kein islamischer „Che Guevara“ ist, sondern nichts anderes als der Anführer einer ideologiegetriebenen Mördertruppe.

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From → al-Qaida, Allgemeines

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