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Krieg gegen den Terror wird zum Kampf um Worte (Die Welt)

Mai 25, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 14.05.2008

Dschihad und Mudschaheddin: Ab sofort sollen diese Wörter im Kampf gegen den Terror nicht mehr verwendet werden. Behörden hoffen, Hasspredigern und Bombenlegern so die religiöse Legitimation zu nehmen. Denn was für den Westen negativ besetzte Wörter sind, empfinden Terroristen als Ehrenbezeichnungen.

Die Auseinandersetzung mit religiösen Fanatikern und Terroristen a là al-Qaida, den Taliban, der Hisbollah und der Hamas ist schon komplex genug. Nun haben ausgerechnet die Vorreiter im „Krieg gegen den Terrorismus“, die USA und Großbritannien, ein weiteres Schlachtfeld eröffnet: den Kampf um Worte. Begriffe wie Dschihad, Mudschaheddin, islamischer oder islamistischer Terrorismus oder auch nur Islam in Verbindung mit al-Qaida und Konsorten sollen vermieden werden. Dabei geht es nicht etwa um „political correctness“, sondern um strategische Überlegungen.

Im Januar dieses Jahres verkündete die britische Innenministerin Jacqui Smith, dass die Regierung von nun an alles, was bisher islamischer oder islamistischer Terrorismus genannt wurde, als „anti-islamische Aktivität“ bezeichnen werde. Denn die Extremisten würden gegen ihren Glauben handeln. Der Rat der Europäischen Union hatte einige Monate zuvor ähnliches beschlossen. Die britische Regierung meint zudem, dass die direkte Verbindung von Islam und Terrorismus normale Muslime verstimmen würde. Terror und Mord hätten nichts mit dem Islam gemein. Kritiker höhnten, der Terror der nordirischen IRA sei dann wohl eine „anti-irische Aktivität“ gewesen.

Vor wenigen Wochen folgte nun die Regierung Bush. In zwei „Nur für den Dienstgebrauch!“ vorgesehenen Dokumenten aus dem US-Heimatschutzministerium (DHS) und dem „National Counter Terrorism Center (NCTC)“ wird der Regierung empfohlen, gänzlich auf Begriffe wie Dschihad und Mudschaheddin zu verzichten.

Dafür werden verschiedene Gründe genannt. Die Tatsache, dass Dschihad wörtlich übersetzt nicht „Heiliger Krieg“, sondern „Anstrengung im Namen Allahs“ bedeutet, spielt dabei kaum eine Rolle. Denn selbst diejenigen, die den Dschihad in erster Linie als eine Art spirituelles Yoga begreifen, geben zu, dass Dschihad eben auch eine gewaltsame Variante hat. So schrieben etwa die 38 theologischen Kapazitäten aus der islamischen Welt, die im Oktober 2006 mit einem offenen Brief auf die Regensburger Vorlesung des Papstes reagierten, dass “Dschihad” im Rahmen der islamischen Theorie nicht nur, aber eben auch der „Gerechte Krieg“ sei. Und das Oberhaupt des einflussreichen Al-Azhar-Islam-Instituts in Kairo, Scheich Mohammed Sajjid Tantawi, definiert den Dschihad als Pflicht, seine Heiligtümer, seinen Besitz oder sein Land zu verteidigen.

Dschihad klingt für Muslime angenehm

Und genau da liegt das Problem. Denn Dschihad wie auch Mudschahed (übersetzt: „Der sich um die Verbreitung oder Verteidigung des Islam bemüht“ oder „Der sich auf Gottes Weg bemüht“) sind in der islamischen Welt positiv besetzt. Nicht etwa, weil sich Osama bin Laden als Dschihadist sieht oder weil die Taliban sich auch Mudschaheddin nennen, sondern weil der Dschihad, als individuelle Anstrengung im Glauben und zur Verteidigung des Islam, ein wichtiger Bestandteil des Korans und der Worte und Taten des Propheten, der Sunna, ist.

Während also die nicht-muslimische Welt mit Dschihad und Mudschaheddin religiösen Fanatismus und Terrorismus verbindet, klingen dieselben Worte für Muslime vertraut und angenehm. Indem man die Terroristen als Dschihadisten bezeichnet, so die DHS Experten, werte man sie auf und gebe ihnen genau die Art von religiöser Legitimation, die sie ja für sich selbst in Anspruch nähmen.

Im NCTC Memo „Words that Work and Words that Don’t: A Guide for Counterterrorism Communication“ heißt es deshalb: „Obwohl das al Qaida-Netzwerk … versucht, seine Taten mit der Religion zu rechtfertigen, sollten wir es als illegitime politische, terroristische, und kriminelle Organisation behandeln.“

Dieser Punkt ist von strategischer Wichtigkeit, denn das Streben nach Ruhm und Anerkennung und das Image als „Heiliger Krieger“ spielen für die Terroristen bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses eine wichtige Rolle.

Al-Qaida wird zum „Todes-Kult“

In dem Papier des US-Heimatschutzministeriums „Terminology to Define the Terrorists: Recommendations from American Muslims“ wird deshalb empfohlen, die Ideologie und Methoden von al-Qaida und anderen als „Todes-Kult“ oder „Gewalt-Kult “ zu bezeichnen und den Islam aus diesem Zusammenhang vollständig herauszuhalten. Denn der Begriff „Kult“ sei bei Muslimen wie nicht-Muslimen negativ besetzt. Alternativ könnte die Ideologie als „Takfirismus“ bezeichnet werden: Die Takfiri erklären andersdenke Muslime zu Abtrünnigen, die getötet werden können.

US-Präsident George W. Bush, Außenministerin Condoleeza Rice und Verteidigungsminister Robert Gates haben seit Monaten Begriffe wie „Dschihadisten“ und „islamistische Terroristen“ gemieden und stattdessen nur von Terroristen oder gewalttätigen Extremisten gesprochen.
Obwohl auch in Deutschland der „Kampf um die Herzen und Köpfe“ der Muslime geführt wird, findet eine Diskussion über strategische Nachteile und Nebenwirkungen genutzter Begrifflichkeiten nicht statt.

Die hier zulande gebräuchliche Differenzierung zwischen Islam als Religion und Islamismus als politisch-religiöser Ideologie wird in den USA ebenfalls verworfen. Allerdings nur, weil die Öffentlichkeit Schwierigkeiten habe, die „akademische Unterscheidung von Islam und Islamismus“ nachzuvollziehen.
Bei dieser Diskussion um die richtige Beschreibung des Gegners geht es nicht nur darum, ob gewählte Begriffe absolut zutreffen. Noch wichtiger ist, ob sie geeignet sind, das Problem in einer Art und Weise zu beschreiben, die aufklärt und normale Muslime nicht abstößt.

Ob es gelingen wird, gerade etablierte Begriffe wie „Dschihad“ durch andere zu ersetzen ist fraglich. Der strategische Versuch, den Terroristen die religiöse Legitimation abzusprechen und sie als hauptsächlich politisch motivierte Mörderbande zu entlarven, ist aber aller Ehren wert.

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