Skip to content

Die verqueren Verschwörungstheorien al-Qaidas (Die Welt)

Mai 25, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 30. 04.2008

Das Terrornetz al-Qaida verbreitet eine krude Weltsicht. Es ist die Rede von der Weltherrschaft der Juden und davon, dass die CIA selbst Anschläge in den USA ausgeführt habe. Der Hass auf Israel und die USA ist für islamistische Gruppen so zentral, dass sie erbittert streiten, wer der größte Feind beider Länder ist.

Die Welt ist kompliziert. Zu kompliziert für manche. Feindbilder erleichtern da das Leben. Den Überforderten aller Länder und Religionen geben seit Jahrhunderten diverse Verschwörungstheorien den gesuchten Halt. Besonders weit verbreitet ist die Theorie von der Weltherrschaft der Juden. Der Kulturminister der palästinensischen Hamas, Atallah Abu al-Subh, nutzte gerade wieder vor zwei Wochen die Gelegenheit, den Zuschauern des auch in Europa empfangbaren Fernsehsenders der Hamas, al-Aksa, einen Strauß antisemitischer Stereotypen vorzutragen: Die Juden seien bösartige Kriegstreiber, die die Welt beherrschten und alle anderen Menschen verachteten. In den „Protokollen der Weisen von Zion“, auf die sich schon Adolf Hitler berief, sei dies alles nachzulesen.

Bei dem der libanesischen Hisbollah gehörenden Fernsehsender Al Manar TV werden antisemitische Verschwörungstheorien gerne kind- und jugendgerecht in Form von Seifenopern und Cartoons präsentiert. In der Serie „al-Shatat“ wurde beispielweise gezeigt, dass die Juden christliche Kinder schächten würden, um aus ihrem Blut traditionelles Brot herzustellen. Diese als „Blood Libel“ bezeichnete Geschichte wurde übrigens von Christen im Mittelalter erfunden.

Heutzutage kommt kaum eine Verschwörungstheorie ohne den israelischen Geheimdienst Mossad und die amerikanische CIA aus. So glauben Millionen von Menschen, dass die Anschläge vom 11. September 2001 nicht von al-Qaida, sondern von der US-Regierung und Israel verübt wurden um deren „imperiale Angriffskriege“ zu legitimieren. Als Beleg dafür wird etwa angeführt, dass der Rädelsführer der Terroristen, Mohammed Atta, in Florida monatelang mit einer Stripperin zusammengewohnt habe und deswegen gar kein gläubiger Moslem gewesen sein könne.

Sich widersprechende Verschwörungstheorien rund um den 11. September haben mittlerweile aber auch zu offenem Streit zwischen dem schiitischen Iran und der sunnitischen al-Qaida geführt. Schuld daran sollen – wer sonst? – die Juden sein. Dieser Konflikt köchelt schon einige Jahre vor sich hin, hat sich aber in den letzten Monaten zu einem öffentlichen Schlagabtausch entwickelt.

Al-Sawahiri beschmipft iranisches Regime als Verräter

Im Dezember 2007 legte der Vizechef der al-Qaida, Aiman al-Sawahiri, vor: „Was die schiitischen Milizen im Irak unter der Führung des Iran getan haben, (wird) als ein Zeichen der Schande in die Geschichte des Islam eingehen“. Damit spielt er auf die angebliche Kooperation von Moktada al-Sadr mit der irakischen Regierung und den USA an, was ihn auch veranlasste, das iranische Regime als Verräter zu beschimpfen. Al-Sawahiri zitiert zudem den ehemaligen iranischen Präsidenten Rafsandschani, der sich damit gebrüstet haben soll, dass ohne die Hilfe der Iraner in Afghanistan amerikanisches Blut in Strömen geflossen wäre.

Emotional wurde al-Sawahiri, als er auf den wiederholt vom Iran verbreiteten „lächerlichen Witz“ zu sprechen kam, dass al-Qaida und die Taliban eigentlich Agenten der USA seien.
Ausgerechnet in diese Kerbe schlug nun der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, als er vor drei Wochen über die Anschläge vom 11. September sagte, es sei bis heute „unklar, wer die Täter waren, wer die Opfer und wer verurteilt wurde.“ Außerdem sei die Mehrheit der Iraner der Ansicht, dass ein paar arabische Burschen niemals imstande gewesen wären, einen so teuflischen Plan zu schmieden.

„Der Feind meines Feindes ist mein Freund“?

Kurz davor, Anfang April, hatte al-Sawahiri die unter Kontrolle des Iran stehende libanesische Hisbollah als Weichlinge bezeichnet. Das Verhältnis zwischen schiitischen Hisbollah und al-Qaida ist zerrüttet, weil sie als Konkurrenten weltweit um die Gunst der Islamisten buhlen. Und die Hisbollah liegt seit dem Krieg mit Israel im Sommer 2006 deutlich vorne. Ihr Chef Hassan Nasrallah ist auch einer im März durchgeführten Umfrage von Zogby International zufolge weiterhin der mit Abstand beliebteste Anführer in der arabischen Welt, während Osama bin Laden abgeschlagen die gleiche Anerkennung wie der hingerichtete Saddam Hussein genießt.

In Reaktion auf solche Entwicklungen hat al-Sawahiri letzte Woche nun eine eigene Verschwörungstheorie entwickelt: Der Iran und die Hisbollah seien selbst Agenten der USA, die ihrerseits insgeheim von den Juden gesteuert würden. Der Beleg liegt für ihn auf der Hand: Denn es war der Sender al-Manar TV, der als erster berichtete, dass am 11. September 2001 angeblich viertausend Juden, vom Mossad gewarnt, nicht zur Arbeit im New Yorker World Trade Center erschienen wären. Iranische Medien hätten diesen „lächerlichen Witz“ dann immer wieder wiederholt.

Bei der iranischen Kampagne werde unterstellt, „dass es keine Helden unter den Sunniten gibt, die Amerika derart verletzen können“. Al-Sawahiri meint, so wollten die Iraner von ihrer Beteiligung bei den Invasionen in Afghanistan und im Irak ablenken.

Obwohl sich sowohl das iranische Regime als auch al-Qaida über ihre Feindschaft zu den USA, Israel, den Juden und deren Alliierten definieren, hat in diesem Fall das alte arabische Sprichwort „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ keine Bedeutung. Es geht um alte und neue persisch-arabische Konflikte, darum, wer dem großen und kleinen Satan, sprich den USA und Israel, den größten Schaden zufügen kann. Und dabei kann es aus Sicht beider Seiten nur „einen“ geben.

Advertisements
Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: