Skip to content

Bin Laden will der Che Guevara der Muslime sein (Die Welt)

Mai 25, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 21.05.2008

Das Terrornetzwerk al-Qaida will seine Anhänger glauben machen, es kämpfe für die Befreiung der Muslime, die von neuen Kreuzfahrern unterdrückt würden. Osama bin Laden und seine Helfer geben sich das Image von Untergrundkämpfern für das Gute. Darauf reagiert nun auch die Anti-Terror-Strategie der USA.

Die Regierung von George W. Bush verändert, knapp acht Monate vor dem Ende ihrer Amtszeit, ihre Anti-Terror-Strategie. Denn mittlerweile ist man im Weißen Haus der Auffassung, dass eine offensive Auseinandersetzung mit der Ideologie von al-Qaida genauso wichtig ist wie die Gefangennahme oder das Töten der Terroristen selbst. Im Mittelpunkt der neuen Strategie steht der Versuch herauszustellen, dass al-Qaidas Ideologie gescheitert sei. Außerdem will man Osama bin Ladens Organisation auf ihre wirkliche Größe zurechtstutzen.

Die US-Regierung geht davon aus, dass eine kritische Auseinandersetzung mit al-Qaida deswegen sinnvoll sei, weil deren Führung empfindlich auf Fragen der Legitimität reagiere. Al-Qaida kümmere sich um ihr Image, weil dieses wichtig sei, um Nachwuchs zu rekrutieren, Geld zu sammeln und sich die allgemeine Unterstützung durch Muslime zu sichern.

Al-Qaidas Ziele und Propaganda haben sich in den letzten 15 Jahren weiterentwickelt. In den frühen 90er-Jahren ging es noch hauptsächlich darum, alle Ungläubigen von der arabischen Halbinsel zu vertreiben. Bin Laden kritisierte das saudische Königshaus massiv dafür, dass US-Truppen im Geburtsland des Islam stationiert waren. Dafür wurde er ins Exil geschickt , von wo aus er 1996 eine „Allianz von Juden, Christen und ihren Agenten“ zum Feind erklärte. Er versuchte sich das Image des islamischen Widerstandskämpfers gegen die neuen Kreuzzügler zu geben und agitierte zudem gegen die damaligen UN-Sanktionen gegen den Irak und die Unterstützung der USA für Israel.

Außerdem erklärte er, der Westen führe einen Krieg gegen den Islam. Die Konflikte in Tadschikistan, Burma, Kaschmir, Assam, den Philippinen, Somalia, Eritrea, Tschetschenien und Bosnien-Herzegowina benannte er als Belege für seine These. Für diese „Massaker“ sollten die USA als die Speerspitze der Kreuzritter bestraft werden.

Ideologie auf drei Grundpfeilern

Aiman al-Sawahiri, bin Ladens Stellvertreter und Chefideologe, verkündete dann im Januar 2005 offiziell die drei Grundpfeiler der Ideologie:
Erstens wolle man einen ausschließlich auf der Scharia, also dem Gottesrecht, basierenden islamischen Staat errichten. Zweitens stehe die Befreiung aller islamischen Länder (inklusive Andalusien und Palästina) auf dem Programm. Al-Sawahiri erklärte, dass al-Qaida auch die Kontrolle über die Energieressourcen des Nahen Ostens anstrebe. Und zu guter letzt stehe die Befreiung des Menschen an, denn nach al-Qaidas Sieg dürften Menschenrechte nur noch auf Grundlage der Scharia eingeschränkt werden.

Im Mai 2005 bezeichnete dann der militärische Kommandant der al-Qaida, Sayf al-Adl (übersetzt: Das Schwert der Gerechtigkeit), die Anschläge vom 11. September 2001 als Vergeltungsschlag für den angeblichen Krieg der USA gegen den Islam.

Außerdem sollte der Angriff eine neue „rechtschaffene Führung“ der Muslime erschaffen, um der „zionistisch-angelsächsisch-protestantischen Koalition“ entgegenzutreten, die für fast alle sozialen und politischen Probleme der islamischen Welt verantwortlich sei. Und man wollte die USA „aus ihrem Loch hervorlocken“, damit man sie besser bekämpfen und die Glaubwürdigkeit der al-Qaida bei den Muslimen und allen unterdrückten Völkern der Welt verbessern zu können. In den letzten zwei Jahren kamen noch Globalisierungskritik und der Aufruf zur Überwindung des Kapitalismus hinzu.

Al-Qaida als gnadenlose Terrororganisation darstellen

Kurz gesagt: Bin Laden sieht sich als eine Mischung aus Che Guevara und Robin Hood. Al-Qaida rechtfertigt ihren Terror als gerechte Verteidigung gegen eine Allianz von Ungläubigen und Kreuzzüglern.
Genau hier setzt nun die neue US-Kommunikationsstrategie an. Man will von nun an al-Qaida als gnadenlose und grausame Organisation darstellen, deren Taktiken – wie etwa der Einsatz geistig behinderter Menschen als Selbstmordattentäter – menschenverachtend seien. Außerdem hat al-Qaida geschätzte 100 Moscheen angegriffen. Dies alles verträgt sich nicht mit dem Image des gerechten Verteidigers des Islam.

Michael Leiter, der Direktor des amerikanischen National Counter Terrorism Center, ist sogar überzeugt davon, dass die Verbreitung der Wahrheit über die unmenschlichen Taten von al-Qaida die stärkste Waffe der USA sei.

Zudem ist sich die Regierung Bush mittlerweile bewusst, dass al-Qaida die ihr von Bush selbst verliehene Bezeichnung als „größte Bedrohung für die freie Welt“ massiv nutzt. Dieser Ritterschlag durch die Supermacht USA macht al-Qaida für viele erst attraktiv. Und dadurch, dass man al-Qaida als weltweite Bewegung beschreibt, macht man sie stärker, als sie tatsächlich ist.
FBI-Direktor Robert Mueller soll kürzlich gesagt haben, das Ende von al-Qaida sei nur eine Frage von einigen Jahren. Dies ist sicher eine sehr optimistische Prognose.

Gelingt es aber, bin Ladens Image als „edler Rächer der Enterbten“ weiter in Richtung „fanatischer Massenmörder“ zu verändern, würde dies am Ende sicher al-Qaida selbst das Leben kosten.

Advertisements

From → al-Qaida, Allgemeines

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: