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Warum Islamunterricht vor Terrorismus schützt (Die Welt)

April 19, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt online, 16.04.2005

Viele Bürger stehen dem Islamunterricht an deutschen Schulen skeptisch gegenüber. Sie fürchten, dass junge Muslime dabei radikalisiert werden. Doch eine Studie beweist: Das Gegenteil ist der Fall. Gerade wer jung an den Islam herangeführt wird, fällt nicht so leicht auf Hassprediger herein.

Die Debatte um islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in Deutschland hat nach den Beschlüssen der Islamkonferenz im März wieder an Fahrt gewonnen. Während sich viele davon einen wichtigen Beitrag zur Integration von Muslimen versprechen, löst bei anderen mehr Islam – hier als Unterrichtsfach – auch mehr Ängste aus.
Das Für und Wider des Islamunterrichts wird dabei zwar hauptsächlich aus allgemeiner bildungs- oder integrationspolitischer Perspektive diskutiert.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sprach im März aber auch davon, dass mit dem islamischen Schulunterricht den Hasspredigern Konkurrenz gemacht werden solle. Damit nicht genug. Ein aktueller Beitrag aus der Terrorismusforschung kommt sogar zum Schluss, dass Islamunterricht vor Terrorismus schützen kann.

Allgemein wird angenommen, dass islamistische Terroristen in religiösen Fragen gut ausgebildet sind. Dies ist falsch. Die Mehrheit der Terroristen hat keine religiöse Ausbildung, ihr Verständnis des Korans und der Sunna, der Worte und Taten des Propheten, ist sogar extrem verengt.

Marc Sageman, forensischer Psychiater und Terrorismusexperte, hat in seinem Anfang des Jahres erschienenen Buch „Leaderless Jihad“ die biographischen Daten von über 500 der Al-Qaida-Ideologie anhängenden islamistischen Terroristen untersucht. Diese selbsternannten Gotteskrieger stammen unter anderem aus Indonesien, Ägypten, Marokko, der Türkei, Pakistan, den USA, Australien, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Kanada und Deutschland.
Sagemans Forschungsergebnisse zeigen nun, dass nur 13 Prozent von ihnen eine Madrassa, eine Koranschule, besucht haben. Nur ein Viertel der Terroristen war als Kind überhaupt religiös, während zwei Drittel auf säkulare Schulen gingen und in einem eher aufgeklärten Elternhaus aufwuchsen. Der Rest der Gruppe sind Konvertiten.

Die so genannte Theorie der „grünen Windel“ – Grün ist die Farbe des Islam -, die besagt, dass junge Menschen zu Terroristen mutieren, weil sie in ein entsprechendes Umfeld hineingeboren werden, lässt sich deswegen nicht halten. Auch wurden sie als Kinder weder in Moscheen noch in Koranschulen einer Gehirnwäsche unterzogen. Gerade bei der dritten Generation der Anhänger von al-Qaida, den so genannten „home grown“ Terroristen, hat auch nur noch eine kleine Minderheit einen religiösen Familienhintergrund.

Den Ausnahmefall bilden einige Madrassen im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, aus denen die Taliban hervorgegangen sind. Offenbar handelt es sich hierbei jedoch um ein regionales Phänomen.
Gerade die Terroristen aus Europa und Nordafrika, die heute die Hauptbedrohung für Deutschland und Europa darstellen, hatten allesamt eine islamfreie Jugend. Dieser dritten Generation fehlt deswegen jede religiöse Ausbildung. Sie fangen in ihren mitt-Zwanzigern an, den Koran und die Sunna zu lesen, ignorieren aber 1400 Jahre an Geschichte und Kommentaren. Sie interpretieren die Originaltexte für sich. Oder sie folgen radikalen Imamen wie dem ehemals in der Hamburger Al-Quds Moschee predigenden Mohammed Fazazi, zu dessen Zuhörern Muhammed Atta und weitere Attentäter des 11. September 2001 gehörte. Oder sie lassen sich wie Daniel S. und Fritz G. von vermeintlichen religiösen Autoritäten im Neu-Ulmer Multikulturhaus radikalisieren.

Wer im islamischen Religionsunterricht, insbesondere unter den bei der Islamkonferenz beschlossenen Rahmenbedingungen, eine Bedrohung sieht, liegt falsch. Vielmehr ist der richtige Islamunterricht nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung. Ein Islamunterricht, der Kinder und Jugendliche insoweit mündig macht, dass sie Fanatikern nicht auf den Leim gehen, ist also nicht nur bildungs- und integrationspoltisch sinnvoll, sondern leistet einen Beitrag zur Terrorismusprävention.

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