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Al-Qaida-Vize al-Sawahiri attackiert den Iran (Die Welt)

April 19, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt Online, 09.04.2004

Es war eine einzigartige PR-Aktion der al-Qaida. Nach dem Motto „Sie fragen, Dr. Terror antwortet“ forderte die Organisation im Dezember Anhänger und Kritiker auf, Fragen zu stellen. 2000 Anfragen gingen ein. Jetzt antwortete Al-Qaida-Vize Aiman al-Sawahiri – und nutzte die Aktion zur gnadenlosen Abrechnung.

Es war ein Schritt ohne Gleichen: Im Dezember letzten Jahres forderte Aiman al-Sawahiri Anhänger und Kritiker von al-Qaida auf, schriftlich Fragen zu stellen. Angeblich kamen etwa zweitausend Auskunftsbegehren zur Strategie, zur Lage des Dschihad und zum ersehnten Sieg über die „Kreuzfahrer und ihre Agenten“ zusammen.

In der vergangenen Woche beantwortete al-Sawahiri nun die erste Tranche. Was zunächst aussieht wie ein weiterer Propagandatrick nach dem Modell: „Sie fragen, Dr. Terror antwortet“ ist nicht weniger als eine gnadenlose Generalabrechnung mit Gegnern und Konkurrenten.

Nach den üblichen Verteufelungen der USA, der Juden und anderer „Kreuzfahrer“ wie Großbritannien und Frankreich, widmet sich al-Sawahiri seinen Glaubensbrüdern.

Zunächst sind die Schiiten dran, die zwar grundsätzlich als Sektierer und damit ungläubig gelten, was aber eine Kooperation gegen gemeinsame Feinde nie ausgeschlossen hat.
Ahmadinedschad hat vollmundigen Worten keine Taten folgen lassen
Bezogen auf die vielen Fragen zum Iran verweist al-Sawahiri auf ein vor wenigen Wochen gegebenes Interview, in dem er Präsident Ahmadinedschad vorgeworfen hat, seinen großen Worten von der Vernichtung Israels keine Taten folgen zu lassen. Außerdem sei der Iran Mitglied der Vereinten Nationen, die Israel anerkennten und sowieso „Feind des Islam“ sei.

Kein gutes Haar lässt al-Sawahiri zudem an al-Qaidas Hauptkonkurrenten, der libanesisch-schiitischen Hisbollah. Diese hatte der selbsternannten Avantgarde des militanten Islamismus nach dem Krieg gegen Israel im Sommer 2006 den Rang abgelaufen. Der Waffenstillstand zwischen Hisbollah und Israel wurde vom Chef der Hisbollah, Hassan Nasrallah, als „göttlicher Sieg“ über Israel gefeiert und katapultierte Hisbollah auf der Liste der Top Fanatiker zurück auf Platz 1, den diese nach dem 11. September 2001 an al-Qaida hatten abgeben müssen. Umfragen im Herbst 2006 in Ägypten hatten beispielsweise gezeigt, dass Nasrallah, ein Schiit, eine Popularitätsrate von 82 Prozent hatte, während es Osama bin Laden bei seinen sunnitischen Brüdern gerade mal auf 52 Prozent brachte.

Al-Sawahiri wirft der Hisbollah nun vor, ohne deren Kampf gegen Israel zu würdigen, sie hätte muslimisches Land – gemeint ist die Unifil-Sicherheitszone im Südlibanon – an die „internationalen Kreuzritter“ übergeben. Weiter geht es mit der Kritik: Die palästinensische Hamas greift al-Sawahiri für deren Teilnahme an Wahlen an, den Ägyptischen Islamischen Dschihad wegen „mangelnder Rechtschaffenheit“ der Führung. An die Muslimbruderschaft richtet al-Sawahiri den Vorwurf, die Regierung Mubarak in Ägypten anzuerkennen. Kritik übt al-Sawahiri auch an den sunnitischen Stammesführern, dem Schiitenführer Muktada al-Sadr und den Kurden wegen der Kooperation mit der irakischen Regierung und den USA. Schließlich beschwert sich al-Sawahiri noch über ehemalige Mitstreiter wie Sayyid Imam al-Shareef, bekannt als Dr. Fadl, wegen deren Abkehr vom Terrorismus.
Al-Qaida will der einzig wahre Streiter für Allah sein
Quintessenz: Al-Qaida versucht sich selbst als einzig wahren Streiter für die angebliche Sache Allahs darzustellen. Darum werden selbst beinharte Islamisten zu Versagern und Verrätern herabgestuft.

Die anhaltende Kritik aus den Reihen der Islamisten am ausbleibenden Erfolg von al-Qaidas Strategie – das Kalifat ist noch nirgends verwirklicht, Ansätze in Afghanistan und Irak scheiterten – macht bin Laden offensichtlich schwer zu schaffen. Auch ein weiteres Hauptziel von al-Qaida, nämlich einen Aufstand aller Muslime gegen den Westen und die Regime in muslimischen Ländern herbeizuführen, ist immer noch fernab der Realität.

Eine zusätzliche Kritik zielt darauf, dass bin Laden als Bauingenieur und Sawahiri als Arzt gar nicht qualifiziert seien, ihren Anspruch „Zurück zu den goldenen Zeiten des Islam!“ theologisch zu unterfüttern. Al-Sawahiri argumentiert auch viel mehr als Politiker denn als religiöse Autorität: In der 44-seitigen „Antwort“ finden sich nur fünf Koranzitate.

Um diese Masse von Kritik zu bewältigen, hat man sich offensichtlich für „Angriff ist die beste Verteidigung“ entschieden. Nach dem Motto „Gute Nachrichten aus der Kommando-Höhle“ wird versucht, die Konkurrenz zu diskreditieren, Kritik abzubürsten und Siegesgewissheit zu verbreiten. Es gebe keinen Zweifel, so al-Sawahiri, dass der Zerfall Amerikas begonnen habe. Auch dem saudischen Könighaus, das „gegen die Geschichte schwimmt“, und der „korrupten und verrotteten Regierung Ägyptens“ sei der Untergang sicher. Überhaupt: Osama bin Laden gehe es, anderslautender Gerüchte zum Trotz, gut. Na dann.

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