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Der Islam braucht unsere Hilfe für Reformen (Die Welt)

April 3, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt, 02.04.2008

Viele Kritiker des Islam bemängeln, die Religion entwickle sich seit Jahrhunderten nicht weiter. Dabei gab es einst – vor gut 1000 Jahren – eine Bewegung der islamischen Aufklärung. Diese Zeit ist vorbei. Gelehrte, die eine Modernisierung des Islam propagieren, brauchen deshalb dringend Unterstützung.

Viele Kritiker des Islam beklagen dessen fehlende Reformfähigkeit. Der prominenteste Vertreter der These, der Islam sei im Mittelalter stecken geblieben, ist Papst Benedikt XVI. Dieser soll im Jahre 2005 noch als Kardinal gesagt haben, er versteht den Koran als „etwas vom Himmel Gefallenes, das nicht angepasst oder auf moderne Verhältnisse angewendet werden kann“.

Im September 2006 dann zitierte der Papst bei einer Vorlesung an der Regensburger Universität den byzantinischen Kaiser Manuel II., der sagte, dass Mohammed nur Schlechtes und Inhumanes gebracht habe. Ein Aufschrei ging damals durch die islamische Welt, und seitdem befindet sich Gottes Stellvertreter auf Erden im Dialog mit islamischen Geistlichen aus aller Welt.

Es ist davon auszugehen, dass dem Papst im Rahmen dieser Gespräche das Konzept des Ijtihad vorgestellt worden ist. Wohlgemerkt: nicht Dschihad, sondern Ijtihad (ausgesprochen „Idsch-ti-had“), das „eigenständige Bemühen um das Auffinden der dem Islam gemäßen Regelung“.

Beim Ijtihad geht es also darum, den Koran wie auch die Sunna – die Worte und Taten des Propheten Mohammed – an die Gegenwart anzupassen oder sie zu interpretieren. Diese Tradition der islamischen Aufklärung etablierte sich seit dem 8. Jahrhundert und führte im 9. Jahrhundert unter dem Kalifen al-Mamun zur Eröffnung des „Hauses der Weisheit“ in Bagdad, mit einem Observatorium, einer Akademie, einer Bibliothek und einem Krankenhaus. Im eroberten al-Andalus, was dem heutigen Spanien und weiten Teilen Portugals entspricht, beherbergte Córdoba mehr als siebzig Bibliotheken. Die von den Katholiken Europas verfolgen Juden lebten hier weitgehend unbehelligt, wenn auch nicht gleichberechtigt, mit den muslimischen Besatzern. Kalif al-Mamun ließ die Werke griechischer Philosophen übersetzen und förderte „rationales Denken“. Al-Mamuns theologische Interpretation des Korans sprach dem Menschen gar einen freien Willen zu.

Spaltung in Schiiten und Sunniten

Nach etwa 30 Jahren war es jedoch vorbei mit dem Freidenkertum. Es folgte der Rückschritt zu einer Orthodoxie, die keinen Zweifel duldete. Der lange schwelende Konflikt um die Nachfolgeregelung des Propheten hatte sich soweit zuspitzt, dass die Schiiten – Anhänger Alis, des Cousins des Propheten – sich von den Sunniten, den Anhängern der Tradition, abspalteten und ein eigenes Kalifat ausriefen. Zudem erklärte sich der Statthalter von al-Andalus selbst zum Kalifen.
Um dem Chaos Herr zu werden, schloss das Abbasiden-Regime in Bagdad die Reihen und die Tore des Ijtihad. Noch für einige Jahrhunderte wurde das rationale Denken zur Interpretation des Korans in Teilen des Kalifats praktiziert, verschwand aber etwa im 13. Jahrhundert fast ganz von der Bildfläche.

Auch ohne klassischen Ijtihad gibt es heute selbstredend Techniken zur islamischen Rechtsfindung. Diese beschränken sich jedoch auf das bloße Kommentieren von Kommentaren, Analogieschlüssen (Qiyas) oder das Taqlid, die „blinde Nachahmung“. Koran und Sunna stehen außerhalb jeder Diskussion. Formal gehört der Ijtihad für manche bis heute dazu, ist aber meilenweit vom Freidenkertum alter Zeiten entfernt.
Der Islam braucht keine von außen aufgezwungene Reform
Ironischerweise haben gerade die Vordenker des Islamismus im 20. Jahrhundert die Worte Allahs und des Propheten für ihre politischen Ziele teilweise uminterpretiert. Dazu gehörten insbesondere Sayyid Qutb, Chefideologe der ägyptischen Muslimbrüder, und Abu A’la Mawdudi, Gründer der Jamaat-e-Islami in Pakistan. Auf Grundlage des Werks dieser Männer argumentieren bis heute sowohl al-Qaida als auch die Taliban, die Hamas und Dutzende weiterer Terrororganisationen.

Parallel zu den Islamisten gab es liberale islamische Reformer, die theologische Werke jenseits des Mainstreams verfasst haben. Und auch heute gibt es zahlreiche islamische Gelehrte, die den Koran etwa als Offenbarung für die Araber im siebten Jahrhundert sehen und im Licht der Moderne neu interpretieren wollen.

Das heißt: Der Islam braucht keine von außen aufgezwungene Reform. Vielmehr müssen jene islamischen Theologen unterstützt werden, materiell wie moralisch, die sich auf die Selbstmodernisierungskräfte des Islam besinnen. Zurück zur Aufklärung ist der Weg in die Zukunft des Islam.

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