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Al-Qaida setzt sich selbst unter Druck (Die Welt)

April 3, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt 26. März 2008

Al-Qaida-Chef Osama bin Laden hat Muslime zu Terroranschlägen in Europa aufgerufen. Damit hat er sich vor allem selbst ein Ultimatum gesetzt: Sollte es in diesem Jahr keine al-Qaida zuordenbaren Terroranschläge in Europa oder den USA geben, ist ihre Reputation als globale Terrororganisation dahin.

Nun hat auch Osama bin Laden angekündigt, wegen der Mohammedkarikaturen Anschläge in Europa zu verüben. Mit dieser Drohung ist er spät dran: Zwar hatte al-Qaida schon mehrfach zur Ermordung der dänischen und schwedischen Künstler aufgerufen, die den Propheten gezeichnet hatten. In besonderer Erinnerung ist dabei geblieben, dass für den Tod des Schweden Lars Vilks 100.000 Dollar Belohnung bezahlt werden sollten – falls dieser aber wie ein Lamm geschächtet würde, werde die Summe auf 150.000 Dollar erhöht.
Aber beim Versuch, massenhaft Angst und Schrecken vor terroristischen Anschlägen aufgrund westlicher Kunst- und Meinungsfreiheit zu verbreiten, kam ihm die libanesische Hisbollah zuvor.

Deren Anführer Hassan Nasrallah hatte bereits im Februar 2006 über „Al Manar“ – dem Fernsehsender der Hisbollah, der auch in Deutschland empfangen wird – verkündet:

„Wenn irgendein Moslem die Fatwa des Imam Khomeini gegen den Gotteslästerer Salman Rushdie (Autor der „Satanischen Verse“. In der Fata wurde zu seiner Ermordung aufgerufen; d.Verf.) in die Tat umgesetzt hätte, dann hätten es jene verachtungswürdigen Leute nicht gewagt, den Propheten Mohammed zu beleidigen – weder in Dänemark, noch in Norwegen, noch in Frankreich…“

Bin Laden gibt sich als Staatsmann

Und er forderte alle Muslime zum Handeln auf: „Ich bin sicher, dass nicht nur Millionen sondern Hunderte von Millionen von Muslimen bereit und willig sind, ihre Leben zu opfern, um die Ehre ihres Propheten zu verteidigen. Und Du bist unter ihnen“.

Dagegen gibt sich Osama bin Laden in seiner aktuellen Audiobotschaft von letzter Woche als Staatsmann. Zunächst erläutert er die Schwere des durch den Westen begangenen Vergehens, indem er klarstellt, dass die Beleidigung des Propheten noch viel schlimmer sei als das Töten von muslimischen Frauen und Kindern. Dann spricht er explizit die „Intelligenten“ in der Europäischen Union an und stellt folgendes Ultimatum: Wenn die EU ihre Gesetze zur Meinungs- und Kunstfreiheit nicht einschränke, werde es als Vergeltung Anschläge geben. Bin Laden gibt dem Westen also die Chance, zu kapitulieren. Die ungläubigen Europäer werden verschont, wenn sie auf einige Freiheiten verzichten.

Nach nur vier Tagen, am Montag dieser Woche, war es aber dann schon wieder vorbei mit der Bedenkzeit, denn der Vizechef von al-Qaida, Aiman al-Sawahiri, forderte die Muslime auf: „Greift Einrichtungen der Juden und Amerikaner und all derer an, die an der Aggression gegen Muslime beteiligt sind! Lasst uns ihre Interessen überall angreifen…!“ Dies wird unter anderem damit begründet, dass wer sich über den Propheten lustig mache, auch in seinem Heimatland nicht in Sicherheit leben dürfe.
Vertreter muslimischer Verbände in Europa haben bin Ladens Drohungen klar zurückgewiesen. Statt mit Drohungen und Bomben werde man die Schmähungen des Propheten mit den eigenen Waffen schlagen: friedlich, unter Ausnutzung der Meinungsfreiheit und mit intensiver Medienarbeit.

Angebot von Terrorgruppen in Europa sollen schon vorliegen

Analysten des Fernsehsenders al Jazeera gehen davon aus, dass bereits Angebote von Terrorgruppen in Europa bei al-Qaida vorliegen, Anschläge zu verüben. Bin Laden werde dann je nach „Art des Anschlags und der Publizität“ entscheiden, ob al-Qaida dafür die Verantwortung übernehme.

Auffällig ist zudem, dass Bundesinnenminister Schäuble und zuletzt der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Ernst Uhrlau, die Schlagzahl der Binsenweisheit „Wir können nicht jeden Anschlag verhindern“ drastisch erhöht haben. Denn zu der Gefahr durch Gruppen mit Bezug zu al-Qaida wie der „Islamischen Dschihad Union“ kommen extrem schwer zu verhindernde Aktionen von Einzeltätern. Der gescheiterte Anschlag der „Kofferbomber“ auf Bahnreisende im Jahre 2006 wie auch der missglückte Attentatsversuch auf den ehemaligen Chefredakteur der WELT, Roger Köppel, im gleichen Jahr wurde mit den Mohammedkarikaturen begründet und konnten von den Sicherheitsbehörden im Vorfeld nicht verhindert werden.
In den USA wird in Sicherheitskreisen zudem diskutiert, inwieweit al-Qaida durch einen Anschlag im Lande – nach dem Vorbild der „vor Wahl“ Anschläge in Madrid 2004 – Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen nehmen könnte.

Mit der Botschaft von Montag und den fast schon flehentlichen Appellen an ihre Anhänger, jetzt doch endlich zuzuschlagen, hat al-Qaida vor allem sich selbst ein Ultimatum gesetzt. Sollte es in diesem Jahr keine al-Qaida zuordenbaren Terroranschläge in Europa oder den USA geben, ist ihre Reputation als globale Terrororganisation dahin.

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From → al-Qaida, Allgemeines

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