Skip to content

Wo sind die moderaten Muslime? (Die Welt)

März 20, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt, 06.02.2008

Nach jedem neuen islamistischen Terroranschlag stellt sich eine Frage: Wo bleibt der Aufstand der anständigen Muslime gegen die Verbrechen, die im Namen ihrer Religion begangen werden? Radikale Muslime sind das Problem. Moderate Muslime sind die Lösung. Doch sie trauen sich nicht aus der Deckung.

Nach Anschlägen islamistischer Terroristen erwartet die Öffentlichkeit Distanzierungen und Verurteilungen der Taten durch muslimische Organisationen. Obwohl diese in der Regel mit Presseerklärungen wie „Islam heißt Frieden“ oder „Terrorismus ist mit dem Islam unvereinbar“ reagieren, bleibt bei Nichtmuslimen häufig ein fader Nachgeschmack.
Es ist nun mal so, dass sich Terroristen wie auch moderate Muslime auf den Koran berufen. Wer hat also Recht? Und wo bleibt, neben der Reaktion von muslimischen Verbandsfunktionären der „Aufstand der anständigen Muslime“ gegen die die Verbrechen im Namen ihrer Religion begangen werden?

Moderaten Muslimen werden in der Regel folgende Eigenschaften zugesprochen: Unterstützung von Demokratie und universalen Menschenrechten (inklusive Gleichberechtigung und Religionsfreiheit), Respekt vor Pluralität, Akzeptanz nicht-religiöser Gesetzgebung und Ablehnung des Terrorismus und anderer Formen illegitimer Gewalt. Das heißt auch, dass moderate Muslime streng gläubig sein können. Im Gegensatz zu den Radikalen wollen sie dem Nachbarn beispielsweise aber nicht die Scharia, das islamische Recht, aufzwängen.

In Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit wie etwa Ägypten, Iran oder Sudan wurden moderate muslimische Intellektuelle ermordet oder zur Flucht ins Ausland gezwungen. Und selbst im vergleichsweise liberalen Indonesien versuchen Radikale ihre Gegner mit Drohungen einzuschüchtern.

Dieser Trend scheint sich nun auch in Deutschland fortzusetzen. Im November letzten Jahres wurde der Generalsekretär des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD), Ayman Mazyek, von der „Globalen Islamischen Medienfront“ bedroht. Ihm wurde von der „al Qaida“ nahe stehenden Gruppe vorgeworfen, er sei ein „Feind des Islam“, „ein Freund von Juden und Christen“ und ein Anhänger der „Religion der Demokratie“.

Vorteile der radikalen Muslime
Neben Einschüchterungsversuchen dieser Art haben die Radikalen zwei weitere entscheidende Vorteile. Zunächst im Bezug auf Finanzen. Die Unterstützung aus Saudi- Arabien zum Export der radikalen wahhabistischen Version des Islam hat zu einer wachsenden Radikalisierung von Muslimen weltweit gesorgt. Außerdem haben die radikalen Muslime über Jahre hinweg internationale Netzwerke aufgebaut und intensive Medienarbeit betrieben. Moderaten Muslimen fehlt sowohl eine vergleichbare finanzielle Unterstützung als auch ein funktionierendes Netzwerk. Dies hat dazu geführt, dass die Minderheit der radikalen Muslime sozusagen das Mikrofon gekapert hat. Damit entsteht der Eindruck, die Radikalen hätten vielleicht sogar die schweigende Mehrheit hinter sich.

Am Beispiel des ZMD wird aber auch ersichtlich, dass sich immer wieder Widersprüche ergeben und man genau hinschauen muss. Auf dessen Website ist unter „Was ist Islam?“ zu lesen: „Der Islam ist ein allumfassender Lebensweg, der sich auf alle Bereiche des menschlichen Daseins erstreckt …“. Und weiter: „Ein Muslim ist derjenige, der die Gesetze Gottes in allen Lebenslagen befolgt…“. Wo bleibt da das Grundgesetz?

Verfasst wurde „Was ist Islam?“ vom ZMD Mitglied „Islamisches Zentrum Aachen“, das 1978 von syrischen Muslimbrüdern, einer der Keimzellen des Islamismus, gegründet wurde und seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Muslimbrüder sprechen auch von Demokratie und verstehen darunter die Konsultation des Herrschers durch seine Untertanen (Schura), aber nicht, dass alle Macht vom Volke ausgeht.

Deshalb sollte Innenminister Schäubles beispielsweise die Islam-Konferenz auch dazu nutzen, um herauszuarbeiten, mit wem er es wirklich zu tun hat. Um sicherzustellen, dass Medien und Regierungen radikale von moderaten Muslimen zuverlässiger unterscheiden können, hat das amerikanische Forschungsinstitut „RAND Corporation“ im letzten Jahr einen Kriterienkatalog („Building Moderate Muslim Networks“) entwickelt. Darin wird gezeigt wie man das Demokratieverständnis durchleuchtet, wie sich häufig radikale Gruppen hinter der Front einer moderaten Organisation verstecken und wie wichtig es ist, den Finanzströmen nachzugehen. Vielleicht lohnt sich die Lektüre in Vorbereitung der nächsten Sitzung.

Und wo ist der „Aufstand der anständigen Muslime“? Er ist nach diversen bundesweiten Großveranstaltungen in den letzten Jahren vermutlich genauso in Lethargie versunken wie der andere „Aufstand der Anständigen“ – die Reaktion der „anständigen Deutschen“ auf Übergriffe durch Neonazis.

Radikale Muslime sind das Problem und moderate Muslime sind die Lösung. Deshalb muss die Politik, wenn sie den Kampf gegen den Islamismus ernst nimmt, wissen mit wem sie spricht und Geld in die Hand nehmen, damit in Zukunft die richtigen Leute sich mehr Gehör verschaffen können.

Advertisements
Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: