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Was eine Milliarde Muslime wirklich denken (Die Welt)

März 20, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt, 05.03.2008

Rund sieben Prozent der Muslime weltweit befürworten einer neuen Studie des US-Forschungsinstituts Gallup zufolge die Terroranschläge vom 11. September. Allerdings tun sie das nicht aus religiösen Gründen, sondern aus Furcht vor vermeintlichen US-Plänen zur Beherrschung der islamischen Welt.

Die in der vergangenen Woche angekündigte Studie des amerikanischen Gallup-Institutes “Wer spricht für den Islam? – Was eine Milliarde Muslime wirklich denken” ist voll mit vermeintlich guten Nachrichten. Vorabveröffentlichungen zufolge sei der Islamismus nur der verzweifelte Schrei nach mehr Respekt und Demokratie. Weil die Studie selbst noch nicht vorliegt – sie wird an diesem Samstag in Buchform erscheinen – stürzen sich die Medien auf die Interpretationen der beiden Autoren.

Einer von ihnen, John L. Esposito von der Georgetown University in Washington D.C., steht in den USA unter ernst zu nehmender Kritik. Nicht nur, dass sein Forschungscenter maßgeblich von einem saudischen Prinzen finanziert wird, Esposito wird auch eine persönliche Nähe zu Islamisten unterstellt.

Sieben Prozent der Muslime weltweit sind politisch radikalisiert

Aber zunächst zu den Ergebnissen der Umfrage: Laut Gallup können sieben Prozent der Muslime weltweit, also etwa 91 Millionen Menschen, als „politisch radikalisiert“ eingestuft werden. „Politisch radikalisiert“ heißt in diesem Zusammenhang, dass sie die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA rechtfertigen.

Die überwiegende Mehrheit von 93 Prozent sei dagegen „politisch moderat“ und lehne den Verlust von unschuldigen Menschenleben ab. Ungeklärt ist, was unter „unschuldigen“ Menschenleben zu verstehen ist.

Die Radikalen sind den Autoren zufolge zudem keine isolierte, abgeschottete Gruppe religiöser Fanatiker, sondern haben mit den Gemäßigten viele Wertvorstellungen gemeinsam.

Die Co-Autorin der Studie, Dalia Mogahed, stellt fest: „Die politisch radikalen Moslems gaben in nicht einem einzigen Fall religiöse Motive zur Rechtfertigung von Terror an, sondern politische: Amerika habe das für seinen Imperialismus verdient, und Ähnliches.“ Wie diese These mit gescheiterten Anschlägen islamistischer Terroristen auf den Straßburger Weihnachtsmarkt, Regionalzüge in Nordrhein-Westfalen oder der Ermordung von Islamkritikern wie Theo von Gogh in den Niederlanden zu vereinbaren ist, bleibt offen.

Muslime in Berlin wurden ebenfalls von Gallup befragt. Von ihnen sollen drei Viertel loyal zum deutschen Staat erklärt haben.

Zur Erinnerung: Die von Wissenschaftlern der Universität Hamburg im Auftrag des Bundesinnenministeriums 2007 erstellte Studie „Muslime in Deutschland“ hat die Zahl der Islamisten, die antidemokratisch und antiwestlich eingestellt sind und das islamische Scharia-Recht in Deutschland einführen wollen, auf etwa 14 Prozent festgesetzt. Sechs Prozent der Muslime akzeptieren laut dieser Studie massive politisch-religiös motivierte Gewalt.

Mogahed zitiert weiter aus der Gallup-Umfrage: „Was die Muslime am Westen besonders stört, ist die Wahrnehmung, dass ihr Glaube und die Gläubigen nicht respektiert werden. Was also sollte der Westen tun? Die häufigste Antwort: Hört endlich auf, auf Muslime herabzusehen.“

Und ihr Kollege John Esposito fasst die Ergebnisse der Befragung von 50.000 Muslimen wie folgt zusammen:
Muslime hassen keineswegs die Demokratie
„Wir haben nun aufgezeigt, dass Muslime keinesfalls die Demokratie hassen. Sie wollen weder einen islamischen Gottesstaat noch einen laizistischen Staat. Die Mehrheit wünscht sich ein demokratisches System, bei dem auf religiöse Werte geachtet wird. Muslime wollen Meinungsfreiheit, aber keinesfalls eine aufgezwungene Demokratie wie sie von den USA propagiert wird.“
Die Details der Studie werden hoffentlich darüber Aufklärung verschaffen, was unter der Ablehnung der Trennung von Staat und Religion (Laizismus) und der Achtung religiöser Werte (etwa ein Bilder- oder Kritikverbot?) konkret zu verstehen ist.

John Esposito ist Direktor des Prince Alwaleed Bin Talal „Center for Muslim-Christian Understanding“ an der Georgetown-Universität, welches 2005 20 Millionen US-Dollar von einem Enkel des Gründers der Saud-Dynastie erhalten hat. Prinz Alwaleed Bin Talal begründete seine Spende mit dem Anspruch „die USA über die islamische Welt zu unterrichten“. Über die Errichtung eines „Center for Muslim-Christian Understanding“ in Saudi-Arabien ist nichts bekannt.

Im vergangenen Jahr ist Esposito in die Schlagzeilen geraten, als er seine Solidarität mit zwei muslimischen Organisationen in den USA bekundete, die wegen der Unterstützung terroristischer Vereinigungen vor Gericht stehen. Sein nach eigener Aussage „sehr guter Freund“ Sami al-Arian hat sich zudem 2006 vor Gericht selbst schuldig erklärt, die Terrororganisation „Palästinensischer Islamischer Dschihad“ unterstützt zu haben.

Dies alles sagt nicht zwingend etwas über die Studie aus. Das Gallup-Institut ist ein international angesehenes Meinungsforschungsinstitut und hat eine 70-jährige Geschichte. Und die Daten der Studie können sicherlich zu einem besseren Verständnis der islamischen Welt beitragen. Was Muslime wirklich denken, sollte jedoch jeder selbst herausfinden. Bei den bereits gezogenen und bekannten Schlussfolgerungen aber muss man sich der möglichen Befangenheit eines der Autoren bewusst sein.

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