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Pentagon will Marshall-Plan gegen Terrorismus (Die Welt)

März 20, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt, 08.01.2008

Viele Milliarden Dollar wollen amerikanische Verteidigungspolitiker im Nahen und Mittleren Osten investieren. Durch Wohlstand und Sicherheit soll dem Terrorismus der Nährboden entzogen werden. Dabei übersehen die Planer jedoch: Die Mehrheit der islamistischen Terroristen stammt gar nicht aus armen Verhältnissen.

Das amerikanische Verteidigungsministerium plant eine umfangreiche Wirtschaftshilfe für den Nahen und Mittleren Osten, um Terrorismus und Radikalisierung zu begegnen. Als Vorbild dient der Marshall-Plan, mit dem die USA nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau Europas unterstützt hatten. Wohlstand, Sicherheit und Arbeitsplätze sollen laut Pentagon dafür sorgen, dass den Extremisten längerfristig die Rekruten ausgehen.
Ohne eine solche Initiative würde laut Mark Schissler, Brigadegeneral der amerikanischen Luftwaffe, die Radikalisierung von Muslimen fortschreiten, weil es immer Menschen gebe, die unzufrieden seien. Man könne etwa den Mangel an Jobs, gerade bei der hohen Geburtenrate in der Region, nicht ignorieren.

Der Rohentwurf für diesen Marshall-Plan, der in den vergangen Tagen publik wurde, wurde bei einer Sitzung des hochrangigen militärischen Planungsgremiums „Joint Staff“ erörtert. Zum Kampf gegen den Terrorismus gehören demnach auch die Kontrolle von Zuwanderung, leistungsfähige Regierungen, die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Eindämmung des Drogenhandels.

Das Vorbild, der eigentliche Marshall-Plan, bestand darin, sowohl wirtschaftliche als auch technische Hilfe für 16 europäische Länder zu leisten. Dafür wurden von 1948 bis 1952 etwa 13 Milliarden US-Dollar, heute wären dies etwa 130 Milliarden US-Dollar, ausgegeben.

Laut General Schissler kann man den Nahen Osten, insbesondere Irak und Afghanistan, heute ebenso wenig sich selbst überlassen wie damals etwa Deutschland. Um das ramponierte Image der USA aufzupolieren und einen wirklichen Wandel vor Ort zu bewirken, soll das Programm etwa so viel kosten, wie gegenwärtig von den USA für die Militäreinsätze in Afghanistan und Irak pro Jahr ausgegeben wird: 136 Milliarden US-Dollar.
Afghanistan bildet die Ausnahme
Mit so viel Geld könnte sicherlich viel Gutes geleistet werden. Die Grundannahme, Armut oder Arbeitslosigkeit seien die Ursachen für Terrorismus, lässt sich empirisch jedoch nicht belegen. Diverse Studien zeigen, dass die Mehrheit der islamistischen Terroristen der jeweiligen gesellschaftlichen Mittelschicht entstammt und vergleichsweise gut ausgebildet ist. Diejenigen, die sich al-Qaida, Hamas oder Hisbollah anschließen, sind meist eben nicht die Armen und Chancenlosen, sondern politisch und religiös motivierte Extremisten mit Hochschulbildung.
Schlagworte
Islamismus Terrorismus al-Qaida Mittlerer Osten Naher Osten Afghanistan USA
Eine Ausnahme bildet Afghanistan. Dort rekrutieren die Taliban arbeitslose junge Männer auch mit Geld für ihren Kampf gegen individuelle Freiheiten und Menschenrechte. Hier massiv in den Wirtschaftsaufbau zu investieren, kann sinnvoll sein, um Extremisten den Nährboden zu entziehen.

Im gegenwärtigen Präsidentschaftsvorwahlkampf der USA überbieten sich die Kandidaten der Demokratischen Partei darin, wer am schnellsten die Truppen abziehen und die Iraker sich selbst überlassen würde. Die Republikaner hingegen wollen im Irak bleiben, bis sich die Lage dauerhaft stabilisiert hat. Das kann noch Jahrzehnte dauern und würde Hunderte von Milliarden kosten.

Über ein massives Wirtschaftsaufbauprogramm für Afghanistan aber spricht kaum jemand. Die politische Durchsetzbarkeit dieses neuen Marshall-Plans ist deshalb bereits jetzt mehr als fraglich.

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