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Der Islamismus muss im Internet bekämpft werden (Die Welt)

März 20, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt, 23.01.2008

2000 radikalisierte Muslime, 42 verurteilte Terroristen: Großbritannien ist das europäische Zentrum des Islamismus. Das britische Innenministerium will der extremistischen Gefahr jetzt mit neuen Methoden begegnen. So sollen illegale Internetseiten einfach entfernt werden. Eine Idee – auch für Deutschland.

Großbritannien ist das europäische Zentrum des Islamismus. Die außergewöhnliche Häufung von islamistischen Hasspredigern, die aus ihren Heimatländern wie etwa Ägypten, Jordanien, Syrien und Algerien geflohen sind, hat der britischen Hauptstadt den Beinamen „Londonistan“ eingebracht.

Selbstmordattentäter hatten am 7. Juli 2005 mehr als 50 Menschen in der Londoner U-Bahn und einem Bus getötet; seitdem hat es dutzende von vereitelten Anschlägen gegeben. Allein im Jahre 2006 wurden 42 Personen wegen terroristischer Straftaten verurteilt, ein Großteil von ihnen ist auf der Insel geboren. Laut Inlandsgeheimdienst MI5 befinden sich zudem etwa 2000 radikalisierte Muslime im Land, die eine akute Sicherheitsbedrohung darstellten.

Die britische Innenministerin Jacqui Smith hat in der vergangen Woche verschiedene Maßnahmen vorgestellt, wie sie der Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus entgegenwirken will. Zwei davon stechen besonders ins Auge: Zunächst wird der Begriff „islamischer Terrorismus“ aus dem Vokabular der Regierung gestrichen und durch “antiislamische Aktion” (”anti-islamic activity”) ersetzt.

Die Formulierung “Krieg gegen den Terror” ist bereits im letzten Jahr ersatzlos weggefallen. Innenministerin Smith argumentiert, die Extremisten würden in Wahrheit gegen ihren eigenen Glauben agieren und die Nennung von Terrorismus und Islam in einem Atemzug würde moderate Muslime verstimmen.

Dieses Argument ist nachvollziehbar. In Deutschland wird deshalb auch offiziell von islamistischem, nicht von islamischem Terror gesprochen. Die Unterscheidung zwischen politisch-religiöser Ideologie (Islamismus) und Religion (Islam) ist wichtig und zeigt, dass Muslime nicht mit Extremisten, die sich auf den Islam lediglich berufen, in einen Topf geworfen werden. Ob der Ansatz der britischen Regierung seine erhoffte entradikalisierende Wirkung entfalten wird, bleibt abzuwarten.

Kampf im Internet

Als weitere Neuerung im britischen Anti-Terror-Kampf sollen extremistische Internetseiten abgeschaltet werden. Diese spielen bei der Radikalisierung von Muslimen eine wichtige Rolle. In den letzten 10 Jahren sind sie zu einem zentralen Werkzeug zu Rekrutierung, Training, Propaganda, interner Kommunikation und Finanzierung von Islamisten geworden. Die weltweite Verbreitung etwa der Ideologie von Al Qaida wäre ohne das Internet schwer möglich gewesen.
Innenministerin Smith will gegen Websites mit extremistischem Inhalt genauso vorgehen wie etwa gegen Kinderpornographie im Internet. Illegales soll einfach entfernt werden. Um dies zu erreichen, will sie mit Internetanbietern und den muslimischen Gemeinden in Großbritannien sprechen. Auslöser dieser Initiative war eine Website, auf der der Premierminister bedroht und auf der zur Gründung einer britischen al-Qaida aufgerufen wurde.
Internetseiten mit extremistischem Inhalt einfach abzuschalten, klingt verlockend. Sie dienen jedoch auch als Informationsquellen für Nachrichtendienste, Polizei und Öffentlichkeit. Andererseits überwiegt der Schaden, der durch die Verbreitung islamistischer Propagandavideos, von Enthauptungen über Anleitungen zum Bombenbau bis hin zu explodierenden amerikanischen Fahrzeugen im Irak – inklusive Siegesjubel der Terroristen – entsteht.

Vorbild auch für Deutschland

Vereinzelte Hacker haben bereits in der Vergangenheit extremistische Websites lahmgelegt und für beträchtliche Verwirrung bei Islamisten gesorgt. Sicher gelingt es diesen, eine abschaltete Website relativ schnell wieder anderswo online zu stellen. Dies ist jedoch jedes Mal mit Arbeitsaufwand und Kosten verbunden.

Die im Dezember 2007 erschienene Studie „Muslime in Deutschland“ hat gezeigt, dass auch Deutschland ein massives Problem mit radikalisierten, vornehmlich jungen Muslimen hat.

Das Abschalten und Sabotieren von islamistischen Websites mit technischen Hürden und Kosten versehen. Denjenigen das Leben schwer zu machen, die junge Leute mit Hass und Gewalt indoktrinieren wollen, lohnt jedenfalls den Versuch und wäre eine notwendige Ergänzung zu runden Tischen und Sicherheitsgesetzen. Gerade auch für Deutschland.

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From → Allgemeines

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