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Bin Ladens Heilige Kriegerinnen (Die Welt)

März 20, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt, 13.02.2008

Von wegen das sanfte und schwache Geschlecht: Frauen sind in Terrornetzwerken maßgebliche Akteure und häufig sogar radikaler als Männer. Für die Terroristen haben weibliche Selbstmordattentäter viele Vorteile. Und auch die Frauen versprechen sich etwas davon, für den Islam zu sterben.

Welche Rolle spielen Frauen in islamistischen Terrororganisationen? Herrscht bei Islamisten ein Frauenbild, wonach hinter jedem starken Terroristen eine starke Terroristin stehe, oder reduziert sich die Islamistin auf “Kinder, Küche, Moschee“?
Vorschnelle Antworten auf die Frage, warum Frauen überhaupt zu Terroristinnen werden, sind voller Vorurteile: Dem “sanften und schwachen” Geschlecht wird unterstellt, hauptsächlich aus emotionalen Gründen dem militanten Dschihad beizutreten: Familienbande, der Tod des Mannes oder einfach Naivität. Marc Sageman, der in seiner Studie „Understanding Terrorist Networks“ die sozialen Zusammenhänge untersucht hat, kommt jedoch zu einem ganz anderen Schluss: Frauen seien maßgebliche Akteure innerhalb von Terrornetzwerken und häufig sogar radikaler als Männer.

Die Deutsche Sonja B. etwa hatte 2006 über das Internet Interesse bekundet, gemeinsam mit ihrem zweijährigen Sohn einen Selbstmordanschlag im Irak zu verüben. Weitere 47 Frauen im selben Chatroom zeigten ebenfalls Interesse, an einem Terroranschlag mitzuwirken. Auch die Belgierin Muriel Degauque, die 2005 einen Selbstmordanschlag im Irak verübte, war in diesem Chatroom aktiv gewesen.

Gewiss gibt es Fälle, in denen etwa vergewaltigte muslimische Frauen sich einer Terrororganisation anschließen, weil sie aus Sicht von Familie und Gesellschaft entehrt und nicht mehr heiratsfähig seien. Einige gescheiterte Selbstmordattentäterinnen aus den palästinensischen Gebieten, aus Tschetschenien oder dem Irak haben dies als Begründung angegeben. Aber warum sollten sie beim Versuch, ihr eigenes Leben zu beenden, auch andere in den Tod reißen wollen?
Hier nun kommt das Anreizsystem der Islamisten ins Spiel – vom versprochenen Platz im Paradies über den dort wartenden Traummann bis hin zur finanziellen Absicherung der Familie durch die Terrororganisation, in deren Auftrag der Anschlag stattfinden soll.
Außerdem spielen bei Frauen wie bei Männern politische und ideologische Motive wie etwa der Kampf gegen eine Besatzungsmacht oder der Glaube an die Überlegenheit des Islam eine Rolle.

Frauen motivieren ihre Söhne

Osama bin Laden hat in der Fatwa „Kriegserklärung gegen die Amerikaner, die das Land der zwei Heiligen Stätten besetzen“, von 1996 klar zum Ausdruck gebracht, dass Frauen eine große Bedeutung im Dschihad hätten: „ Unsere Frauen …. motivieren und ermutigen ihre Söhne, Brüder und Ehemänner, um für Allahs Sache in Afghanistan, Bosnien-Herzegovina, Tschetschenien und in anderen Ländern zu kämpfen“.
Interessanterweise bleibt von der Darstellung einer aktiven Rolle der Frau in seiner zwei Jahre später veröffentlichten Fatwa „Dschihad gegen Juden und Kreuzzügler“, welche sich zum Manifest der Al-Qaida-Ideologie entwickelt, wenig übrig: Bin Laden bezeichnet sie lediglich einmal und zwar als die nach einem Erlöser rufenden „Opfer der USA und der Zionisten“.

Bei der palästinensischen Hamas verlief die Entwicklung genau anders herum. Zunächst hatte sich der Führer der Hamas, Scheich Yassin, über Jahre geweigert, Frauen etwa als Selbstmordattentäterinnen einzusetzen. Der Erfolg dieser Strategie bei der libanesischen Hizbollah, den zur Fatah zugehörigen Al-Aqsa-Brigaden und dem „Palästinensischen Islamischen Dschihad“ bewogen ihn jedoch, von Frauen alsbald als „Reservearmee“ zu sprechen, auf die bei Bedarf zugegriffen werden könne. Dies hat die Hamas dann auch getan.

Selbstmordanschläge sind sowieso schon eine kostengünstige, technologisch einfache und mit geringen Risiko verbundene Waffe.
Letzteres können Frauen besonders gut gewährleisten: Sie erscheinen als weniger verdächtig und werden von Sicherheitskräften weniger streng kontrolliert.
Neben diesem taktischen Vorteil gibt es gravierende strategische Vorteile, denn Anschläge von Frauen ziehen ein größeres Medieninteresse nach sich. Damit wird auch das Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten und auf die politischen Ziele der Gruppe hinzuweisen, besser erreicht.

Frauen dienen auch eher als Sympathieträger, die Medien sind mehr an ihrer Motivation, ihrer persönlichen und familiären Situation interessiert. Als Nebeneffekt führt der Einsatz von Frauen als Selbstmordattentäterinnen auch zu einem Zuwachs an männlichen Rekruten, die sich aus Scham zur Verfügung stellen.

Einer vor einer Woche veröffentlichten Untersuchung von Dr. Katharina von Knop, Universität der Bundeswehr München, zufolge besteht der Beitrag von Bin Ladens Heiligen Kriegerinnen im wesentlichen darin, ihre männlichen Verwandten zu unterstützen, die Ideologie an die Kinder weiterzugeben und – wenn sinnvoll – durch Hilfstätigkeiten an Anschlägen mitzuwirken. Es gebe aber auch bei der al-Qaida einen Anstieg von Selbstmordattentäterinnen.

Trotz einer insgesamt stärkeren Mitwirkung von Frauen in islamistischen Terrororganisationen kann nicht von einer generellen Aufwertung der Frau gesprochen werden. Letzten Endes ist es nur eine strategische Entscheidung der jeweiligen Terrororganisation, inwieweit sie Frauen für Anschläge einsetzt.
Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Frauen etwa in der Hierarchie der Organisationen relevante Positionen besetzen. Insofern von einer Emanzipation der Frau bei den Islamisten zu sprechen, wäre nicht nur zynisch, sondern schlicht falsch.

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From → al-Qaida, Allgemeines

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