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Bei al-Qaida gibt es Dschihad für jedermann (Die Welt)

März 20, 2008

Alexander Ritzmann

Die Welt, 12.03.2008

Erst bestand al-Qaida vor allem aus Kämpfern gegen die sowjetische Besatzung in Afghanistan, dann kam die muslimische Elite, heute ist sie eine Bewegung für jeden, der nach Geltung strebt, wütend ist oder sich langweilt. Das macht die Terrororganisation zwar weniger gefährlich, aber auch schwerer zu bekämpfen.

Die Bedrohung durch al-Qaida hat sich seit dem 11. September 2001 massiv gewandelt. Die stattgefundene Transformation von der „Terrororganisation“ al-Qaida zur „Bewegung“ al-Qaida hat unmittelbare Konsequenzen für Erfolg oder Scheitern der Gegenstrategie.
Während sich die erste Generation von Osama bin Ladens „Heiligen Kriegern“ Ende der 80er Jahre aus den Veteranen des Dschihads gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans rekrutierte, bewarben sich in den 90ern Mitglieder der muslimischen Elite um einen Platz bei al-Qaida. Überwiegend aus dem Mittleren Osten stammend, mobil und gebildet bekamen einige der im Westen studierenden Oberschichtkinder Heimweh. Sie kamen in Deutschland, Spanien oder Großbritannien nicht zurecht und fühlten sich ausgegrenzt. Den ersehnten Zuspruch fanden sie, obwohl meist selbst nicht sonderlich religiös, bei Gleichgesinnten in der Moschee. Sie schlossen Freundschaften, zogen mit anderen zusammen, kapselten sich völlig von der Mehrheitsgesellschaft ab und radikalisierten sich gegenseitig.

Islam – die Religion der Gewinner

Im Umfeld einiger Moscheen trafen sie auf Veteranen aus „Heiligen Kriegen“ in Afghanistan, Tschetschenien, Kaschmir oder Bosnien, die ihnen von den glorreichen Schlachten gegen die Ungläubigen berichteten. Islamisten behaupten bis heute, dass der Rückzug der Sowjets aus Afghanistan zum Zusammenbruch der UdSSR geführt habe. Eine Supermacht habe man also schon besiegt, die USA seien als nächste dran.Diese Flucht in die Radikalisierung hatte etliche Vorteile gegenüber dem komplizierten und verstörenden Leben im Westen. Denn die Dschihadisten sehen sich als Elite, die innerhalb eines Halt gebenden Regelwerkes Allahs Werk auf Erden verrichten. Und auch für das Leben danach ist gesorgt, wenn man sich auf den Islamismus, also den politischen Islam, einlässt.

Basis dieser Ideologie ist, dass der Islam einst die Religion der Gewinner war. So gelang es einer kleinen Gruppe in Arabien im siebten Jahrhundert unter der Führung des Propheten Mohammed und seiner Nachfolger innerhalb von einhundert Jahren ein Weltreich – von Portugal bis Indien – zu erobern. Zudem waren die Muslime damals auch in Wissenschaft, Medizin, Literatur und fast jeder anderen weltlichen Kunst führend.

Die Tatsache, dass der Westen heute dominiert, wird von Islamisten darauf zurückgeführt, dass die Muslime, korrumpiert vom Westen, von Allahs Weg abgekommen sind. Nur durch den Sturz der als ungläubig angesehenen Regierungen in islamischen Ländern, dem so genannten „Nahen Feind“, und der Errichtung eines Kalifats werde Allah sich gnädig zeigen und die Muslime wieder in goldene Zeiten führen. Im Weg aber steht der Westen, der „Ferne Feind“, der die Regierungen in der Türkei, in Ägypten, Pakistan oder Jordanien unterstützt. Erst wenn der Westen den Weg frei macht für den Gottesstaat, wird aus Sicht der Islamisten der Islam wieder die ihm zustehende Rolle einnehmen. .
Die dritte Generation, die nach 9/11-Generation, wie Fritz G. aus Neu Ulm, Mohammed Sadique Khan aus Leeds und Sarhane Ben Abdelmajid Fakhet aus Madrid, macht sich allerdings deutlich weniger aus Religion und Ideologie als ihre Vorgänger.

Motivation aus Langeweile
Marc Sageman, in den 80er Jahren CIA-Verbindungsmann in Pakistan, Psychiater und Professor an der University of Pennsylvania, schreibt in seinem neuen Buch „Leaderless Jihad“, dass sich diese dritte Generation aus einer Mischung aus Geltungsstreben, der Suche nach dem Sinn des Lebens und blanker Wut, hauptsächlich aufgrund der Kriege in Afghanistan und dem Irak , motiviert. Und aus Langeweile. Denn er fügt hinzu, dass neben den großen Sponsoren des islamistischen Terrorismus wie Saudi-Arabien und Iran auch Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien genannt werden müssen. In Europa hat sich ein großer Teil der von ihm untersuchten 500 Dschihadisten über soziale Transferleistungen finanziert.

Zur Ideologie gesellten sich Verschwörungstheorien. Die populärste ist, dass der Westen, von Juden gesteuert und im Auftrag Israels handelnd, einen Vernichtungskrieg gegen den Islam führe. Jeder rechtschaffene Moslem sei deshalb verpflichtet, gegen die Angreifer zu kämpfen.
Diese dritte Generation der so genannten „ home grown“ Terroristen hat jedoch in der Regel keinen oder kaum Kontakt zur Führung der al-Qaida. Auch wenn einige ein Terrorcamp in Pakistan besucht hatten, so macht dies aus ihnen genauso wenig Top Terroristen wie die Teilnahme am Trainingscamp des FC Bayern München sie zu Bundesligaspielern gemacht hätte.

Der Jedermanns-Dschihad
Die mangelnde Einbindung in die Führungsstrukturen und die, wenn überhaupt, rudimentäre Ausbildung macht die dritte Generation zwar etwas weniger gefährlich. Es fällt aber den Sicherheitsbehörden auch schwerer, die hauptsächlich im eigenen Land radikalisierten Terroristen aufzuspüren. Und selbst wenn dies gelingt, müssen noch die Fähigen von den Großmäulern unterschieden werden. Sowohl Khan als auch Fakhet waren vor der Tat nachrichtendienstlich überwacht worden. Aufgrund beschränkter Ressourcen und der Einschätzung, dass keine konkrete Gefahr von ihnen ausgehe, wurden die Überwachungsmaßnahmen jedoch frühzeitig beendet.
Vom Kern von al-Qaida, zu dem heute nur noch einige Dutzend Führungsoffiziere gehören (der Rest wurde getötet oder verhaftet), über die zweite Generation der radikalisierten Söhne aus besserem Hause hat sich die dritte Generation zum Jedermanns-Dschihad entwickelt.

Diese selbst ernannte Elite ist in Wahrheit ein Massenphänomen, dem sich weltweit viele tausend verschrieben haben. Sageman geht jedoch davon aus, dass sich bereits die jüngeren Brüder der dritten Dschihadisten Generation andere Idole suchen werden. Innerhalb der Gesamtheit der Muslime stellen die Dschihadisten sowieso eine fast verschwindend geringe Größe dar. Und die bisherigen Umsetzungsversuche eines Gottesstaates wie durch die Taliban in Afghanistan oder al-Qaida in Al Anbar im Irak sind gescheitert, auch weil die Muslime vor Ort nicht mit zurück ins Mittelalter wollten.

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From → al-Qaida, Allgemeines

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