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Die ultimative Smart Bomb der Terroristen (Die Welt)

November 22, 2007

Die Welt, 21.11.2007

Alexander Ritzmann

Zudem sichert ein Selbstmordanschlag breites Medieninteresse. Wegen der Diskussion über die Motivation des Attentäters (Warum opfert er sein Leben?) sind Selbstmordanschläge wichtiger Bestandteil psychologischer Kriegsführung. Der wahrgenommene Zufall (Es kann jeden treffen!) und die Unfähigkeit des Staates, die Terroristen zu stoppen, führen zu Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühlen bei der Bevölkerung. Da der Attentäter sich selbst tötet, muss seine Organisation keinen Fluchtweg planen und keine Angst davor haben, dass er bei eventuellen Verhören Geheimnisse verrät. Und nicht zuletzt braucht man dazu nur einige Kilogramm Sprengstoff, Zünder, Batterie, Metallteile als Schrapnell sowie einen Ein-Aus-Schalter. Und natürlich einen Menschen.

Der wird in seinen Augen durch seine Tat zum Märtyrer oder Helden. Für islamistische Terroristen gibt es jede Menge Heilversprechen (Paradies, Platz neben Allah, 72 Jungfrauen, 70 reservierte Plätze für Familie und Freunde), während Selbstmordattentäter in säkularen Organisationen zu Helden werden, die dem Feind besonders verheerenden Schaden zugefügt haben und denen ein ewiges Andenken in Aussicht gestellt wird.

Selbstmordattentäter haben kein einheitliches Profil. Es gibt viele arme und ungebildete Attentäter bei den Taliban und den tamilischen Tigern, aber mehrheitlich Universitätsabsolventen oder Angehörige der gesellschaftlichen Mittelschicht bei Hisbollah und Al Qaida. Islamistisch indoktriniert und aufwendig trainiert sind die „Shahids“ bei der Hamas, säkular und von der Strasse rekrutiert die „Helden“ bei der Fatah. Manche Attentäter sind beliebt in ihrer Community, andere ausgestoßen und isoliert. Einige sind Überzeugungstäter, wollen sich opfern für nationalistische Ziele oder ihre Religion – andere werden gezwungen oder mit dem Versprechen auf Sex mit Jungfrauen oder Geld und Anerkennung für Ihre Familie geködert.

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Einen Selbstmordanschlag zu verüben, ist meist eine rationale Entscheidung, die auf einer eigentümlichen Kosten-Nutzen-Abwägung basiert. Eine Rolle dabei spielen gefühlte wie tatsächliche Ungerechtigkeiten und Unterdrückung, eine politische oder politisch-religiöse Ideologie, aber auch Opferkult und Indoktrinierung. Hisbollah und Hamas etwa lassen schon die 5jährigen in Kindergärten und Schulen singen, dass es das Größte sei, sein Leben als Märtyrer für Allah zu opfern. Ihre Fernsehsender Al Manar TV, welcher auch in Deutschland frei zu empfangen ist, und Al Qasa TV preisen die Attentäter als Vorbilder für jedermann.

Langfristig kann nur eine gesellschaftliche und religiöse Ächtung von Selbstmordanschlägen erfolgreich sein. Kurzfristig hat sich als wirksam erwiesen, den Fahndungs- und Verfolgungsdruck auf die Finanzierer, Rekrutierer, Ausbilder und Bombenbauer zu erhöhen. Diese überlassen nämlich den Selbstmordattentätern gerne den Vortritt und haben es meist gar nicht eilig, aus dieser Welt zu scheiden.

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