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Was treibt Osama bin Laden an? (Die Welt)

November 7, 2007

Alexander Ritzmann

Die Welt, 07.11.2007

Was ist bei der persönlichen Entwicklung des Top-Terroristen so schief gelaufen, dass er jeden ihm im Weg stehenden Amerikaner, Deutschen, Spanier, Christen, Juden oder auch Moslem töten will? Er gibt selbst darüber Auskunft.

Osama bin Laden, Chef der al-Qaida und meistgesuchter Terrorist weltweit, hat den USA und deren Alliierten, also auch Deutschland, den totalen Krieg erklärt. Er ist mitverantwortlich für tausende Tote, ermordet in den USA, Großbritannien, Spanien, der Türkei, Saudi Arabien, dem Jemen, Tansania, Kenia, Pakistan, Indonesien, Somalia, dem Irak und Afghanistan. Viele Europäer und Amerikaner fragen sich nun selbstkritisch: „Was haben wir getan, dass er uns so hasst?“. Oder andersherum: „Was will der Mann von uns?“

Über letzteres gibt er selbst Auskunft. 1998 verfasste der Bauingenieur bin Laden gemeinsam mit seinem Stellvertreter, dem Mediziner al-Zawahiri, im Namen der „Islamischen Weltfront gegen Juden und Kreuzfahrer“ ein Rechtsgutachten (Fatwa). Darin schrieb er:

„Es ist die individuelle Pflicht jedes Muslims, Amerikaner und deren Alliierte, Zivilisten und Soldaten, zu töten, in jedem Land in dem dies möglich ist.“ Die selbsternannten Rechtsgelehrten erklärten, dieser Aufruf zum Dschihad sei in Übereinstimmung mit den Worten Allahs. Als Ziel gaben sie damals an, die al-Aqsa Moschee in Jerusalem und die Heilige Moschee in Mekka zu „befreien“. Dazu kommen die Errichtung eines islamistischen Superstaates (Kalifat), zunächst im Nahen Osten, und die Rückeroberung Andalusiens und anderer ehemals unter der Herrschaft eines Kalifen stehender Territorien.
Was ist also bei der persönlichen Entwicklung bin Ladens so schief gelaufen, dass er jeden ihm im Weg stehenden Amerikaner, Deutschen, Spanier, Christen, Juden oder auch Moslem töten will?

Blick auf die Kindheit des angehenden Terroristen

Womöglich eine schwere Kindheit? Osama, geboren 1957, wuchs als Sohn des „self made“ Milliardärs Muhammed bin Laden in Luxus und von Dienern umsorgt in Saudi-Arabien auf. Die Eltern ließen sich früh scheiden, Mutter Hamida heiratete wieder und Osama lebte fortan als ältester Sohn in einem Haushalt mit vier Stiefgeschwistern. Sein Vater Muhammed hinterließ ihm geschätzte 300 Millionen $. Eine klassisch arabische Patchwork- Familie also könnte man sagen.
Osama bin Laden, der eine säkulare Eliteschule besuchte hatte, entwickelte sich zu einem verwöhnten, gelangweilten jungen Mann, der das Nachtleben in Beirut , dem Paris des Ostens, genoss. Ende der Siebziger trat er den extremistischen Muslimbrüdern bei. Er las Sayyid Qutb, der den Dschihad von dessen ursprünglich defensiver Form in einen aggressiven Dschihad umdeutete und die ideologische Grundlage für die gewaltsame Errichtung islamistischer Gottesstaaten in der muslimischen Welt lieferte.

Aufgerüttelt durch Gewalt und Umsturz

1979 gab es für bin Laden dann gleich drei Erweckungserlebnisse: Die Revolution im Iran, die Belagerung der Großen Moschee in Mekka durch islamistische Extremisten und die Invasion Afghanistans durch die Sowjetunion. Diese Ereignisse politisierten ihn extrem. Von da an hatte sein Leben plötzlich einen Sinn: Er wollte Teil des Dschihad in Afghanistan sein.

Die folgenden fünf Jahre verbrachte er damit, Geld zu sammeln und Freiwillige für den Kampf gegen die ungläubigen Sowjets zu rekrutieren. Dieser Dschihad wurde jedoch jedoch in erster Linie von Afghanen geführt und gewonnen. Die als „Internationale“ oder „Araber“ bezeichneten ausländischen Kämpfer wurden Nicholas Pratt vom Marshall Center zufolge, der damals mit der CIA die Afghanen unterstützte, weder ernst genommen noch als Kämpfer geachtet. Dies führte dazu, dass bin Laden auf eine unterstützende Rolle beschränkt blieb.
Als es ihm dann doch gelang, eine eigene Truppe von „Arabern“ aufzustellen, endete sein erstes und einziges Gefecht in einem Desaster. Mitkämpfer machten sich darüber lustig, dass er bei Explosionen davonlief. Der afghanische Dschihad fand so größtenteils ohne ihn statt.

Neuer Anlauf zum Ruhm

Seine zweite Chance auf Ruhm und Anerkennung sah er gekommen, als Saddam Hussein 1990 Kuwait angriff. Bin Laden bot dem saudischen Königshaus an Kuwait mit einer Armee von Mudschaheddin, basierend auf seiner 1988 gegründeten al-Qaida, zurückzuerobern. Die Saudis lehnten ab, Saddam wurde durch eine von den USA geführte Koalition besiegt.
Nun war auch dieser Krieg ohne ihn gelaufen.

Und hierin liegt des Pudels Kern.
Osama bin Laden fand im extremistischen Islamismus des Sayyid Qutb den Sinn und Zweck seines Lebens. In Afghanistan war er zu einer Unterstützerrolle verdammt und ein Dschihad gegen Saddams säkulares Regime blieb ihm gänzlich verwehrt. Diese Rückschläge haben ihn schwer getroffen.

Denn Bin Laden will seinen eigenen Dschihad, seine eigene Mission. Er sieht und inszeniert sich wie ein Nachfolger des Propheten Mohammed , er strebt nach Anerkennung und gilt als extrem eitel. Der Psychologe Jerrold Post hat bin Laden als „bösartigen Narzissten“ bezeichnet.
Osama bin Laden ähnelt aber weder dem Propheten noch ist er der nächste Kalif oder sonst eine islamische Autorität. Der millionenschwere Bauingenieur und Chefterrorist versucht vielmehr einen Kampf der Religionen und Zivilisationen vom Zaun zu brechen. Was ihn dabei antreibt ist jedoch nicht die Religion, sondern die Befriedigung seines perversen Geltungsdrangs.

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From → al-Qaida, Allgemeines

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