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Warum Abitur nicht vor Terrorismus schützt (Die Welt)

Oktober 26, 2007

Alexander Ritzmann
Die Welt 24.10.2007

Die These hält sich hartnäckig, dennoch ist sie falsch. Armut und ein Mangel an Bildung sind nicht die Ursache für Terrorismus. Im Gegenteil, die meisten Terroristen sind überdurchschnittlich gebildet. Leider führt die falsche Annahme häufig auch zu falscher Politik.

Was haben George W. Bush, Oskar Lafontaine, Al Gore und Gerhard Schröder gemeinsam? Sie alle glauben, dass Armut und Mangel an Bildung ursächlich für Terrorismus sind. Und sie alle liegen falsch.
Der aufmerksame Beobachter mag mit Blick auf die Professoren- und Pfarrerskinder der RAF bereits geahnt haben, dass Reihenhaus und Abitur nicht vor den Verlockungen des Terrorismus schützen.

Gerade in den USA hält sich aber hartnäckig die These, es gebe einen Zusammenhang zwischen individueller wirtschaftlicher Situation und der Anfälligkeit zum Terrorismus. Heimatschutzminister Michael Chertoff etwa wird mit der Aussage zitiert, die Anschläge in London vor zwei Jahren hätten gezeigt, dass Europa mit seinen Muslimen besondere Probleme hätte. In den USA seien Muslime generell besser integriert, deshalb spiele der „home grown“ Terrorismus kaum eine Rolle.

Die Mehrheit der Terroristen ist überdurchschnittlich gebildet

Die gute Nachricht für die Amerikaner ist, dass Muslime in den USA tatsächlich besser integriert sind. Und natürlich will die übergroße Mehrheit der amerikanischen Muslime, wie auch die der deutschen, britischen, spanischen usw. einen guten Job und eine bessere Zukunft für ihre Kinder.
Die schlechte Nachricht ist jedoch, dass Terrorismusforscher wie Marc Sageman, Edwin Bakker, Alan Krueger und Robert Leiken belegen, dass islamistische Terroristen mehrheitlich überdurchschnittlich gebildet sind und aus der gesellschaftlichen Mittelschicht stammen. Also genau so sind wie die Mehrheit der amerikanischen Muslime.
So bestand die Hamburger Zelle der Al Qaida um Mohammad Atta größtenteils aus Studenten, die über Stipendien versorgt waren. Die vier Attentäter, die 2005 die Anschläge in London verübten, entstammten der britischen Mittelschicht. Und die Kofferbomber, die im letzten Jahr Bahngäste töten wollten, um die Beleidigung ihres Propheten zu rächen, waren Ingenieursstudenten und wie die deutschen Terrorverdächtigen Fritz G. und Daniel S. Söhne aus gutem Hause.

Auch die als „Ärzte des Terrors“ bekannt gewordene Gruppe von Medizinern, die im Juni des Jahres Autobomben vor Nachtclubs in London und dem Glasgower Flughafen zünden wollten, widerlegen die Unterschichtsthese.
In den USA sieh es ähnlich aus. Die „Lackawanna Gruppe“ etwa bestand aus Fussball spielenden all-american Teenagern, die wegen der Unterstützung von Al Qaida – inklusive Aufenthalt im Terror-Trainingscamp – zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Im Mai 2007 verhaftete das FBI sechs Männer, die vorhatten, die Basis der US Army Fort Dix mit Raketenwerfern und Maschinengewehren zu stürmen, um möglichst viele Soldaten und Zivilbedienstete zu töten. Zwei der Tatverdächtigen waren Inhaber eines mittelständischen Handwerksbetriebs, andere arbeiteten im Dienstleistungssektor.
Weitere vereitelte Anschläge in den letzten Jahren hatten z.B den John F. Kennedy Flughafen und die U-Bahn in New York City, den internationalen Flughafen von Los Angeles und die Sears Towers in Chicago zum Ziel.

Falsche These führt zu falscher Politik

Einer Umfrage des Pew Institutes vom Mai diesen Jahres zufolge waren 36 % der amerikanischen Muslime sehr über den wachsenden Islamismus in den USA besorgt. Andererseits sagten 13 % der Befragten, dass Selbstmordanschläge berechtigt sein können, um den Islam zu verteidigen. Und 5 % hatten gar eine positive Meinung von Al Qaida.
Selbst wenn also 95% der amerikanischen Muslime amerikanische Patrioten sind, bleiben genügend Islamisten übrig, die sich aus einem kruden Gemisch an Gründen dem Dschihad anschließen wollen.
Das Beharren auf der These, dass persönliche Armut und Bildungsmangel die Ursachen für Terrorismus seien, darf nicht dazu führen, dass sich die amerikanische Innenpolitik auf Einreisebeschränkungen für pakistanischstämmige Briten oder die Befestigung der Grenze zu Mexiko konzentriert. Sonst könnte aus dem amerikanischen Traum schnell ein Alptraum werden.

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From → al-Qaida, Allgemeines

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