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Die Ideologie der Heiligen Krieger (Die Welt)

September 26, 2007

Alexander Ritzmann
Die Welt, 26. September 2007

Warum hassen sie uns so sehr, die Heiligen Krieger? Und was treibt die Islamisten, die Vertreter des politischen Islam, wirklich an?
In Deutschland hat sich das Märchen von der allursächlichen imperialistischen US-amerikanischen Außenpolitik festgesetzt. Wie in allen Märchen gibt es einen Funken Wahrheit, der Rest ist jedoch pure Dichtung. Und es kommt noch schlimmer. Auch Irak und Afghanistan greifen als Erklärungen zu kurz.

Verwechslung von Ursache und Wirkung

Da hilft schon ein Blick in den Kalender: 1993 der erste Anschlag gegen das World Trade Center in New York, 1998 gegen zwei US-Botschaften in Ostafrika, 2000 gegen den Zerstörer USS Cole im Jemen und schließlich die Katastrophe am 11. September 2001. Im Ergebnis gab es mehr als 3300 Tote und viele tausend Verletzte. Dazu kommen diverse vereitelte Attacken wie der von Frankfurt am Main aus geplante Anschlag auf Besucher des Straßburger Weihnachtsmarkts im Dezember 2000. Alles vor dem Afghanistan-Einsatz im November 2001 und dem Irakkrieg im März 2003. Dies zeigt deutlich: Der islamistische Terrorismus war zuerst da, der „Krieg gegen den Terrorismus“ ist eine Reaktion darauf. Manch einer verwechselt hier Ursache und Wirkung.

Zurück in alte Zeiten

Die mit Abstand größte Gruppe der Islamisten, die sunnitischen Salafisten a lá Terrororganisation Al Qaida, haben eine klare Ideologie. Kurz gesagt: Sie wollen zurück in die Vergangenheit als der Islam weite Teile der Welt beherrschte, von Spanien bis Indien. Zurück ins „Zeitalter der Glückseligkeit“ des Propheten Mohammed und seiner die Welt erobernden Nachfolger. Der Zustand des Islam heute wird von den Salafisten als große Schmach empfunden. Sie wollen leben wie zu Zeiten des Propheten, also wie im „Urislam“. Durch eine strikte Anwendung der Scharia soll Allah wieder zufrieden gestellt werden. Die Belohung dafür, dessen sind sich die Islamisten gewiss, wird die Wiederkehr von Glanz und Gloria wie in alten Zeiten sein.
Und was hat das jetzt mit Anschlägen in Deutschland zu tun? Der Westen, allen voran die USA aber eben auch Deutschland, steht den Salafisten im Weg. Ihr langfristiges Ziel ist die Schaffung eines islamistischen Superstaates, nach historischem Vorbild auch Kalifat genannt. Schritt für Schritt sollen Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit übernommen werden.

Schaffung eines islamischen Superstaates

Manche, wie die Muslimbrüder, wollen dies durch Missionierung, andere wie Al Qaida durch Terrorismus erreichen. Viele der aus Sicht der Islamisten „nichtislamischen“ Regime wie etwa Ägypten, Pakistan, Jordanien und Saudi Arabien werden vom Westen unterstützt. Deren Sturz kann nur gelingen, wenn sich der Westen inklusive US-Marines, MTV und McDonalds zurückzieht. Und natürlich auch auf den Export von Demokratie und universellen Menschenrechten verzichtet. Eben nicht nur im Irak und in Afghanistan, sondern auch dem Mittleren Osten und Teilen Asiens.
Die Heiligen Krieger haben eine klare Ideologie. Osama bin Laden aus Riad, Mohammad Atta aus Kairo, Sidique Khan aus Leeds und Fritz G. aus Ulm sind und waren weder planlose Irre noch sind sie ein Produkt der US-Außenpolitik. Sie hassen den Westen eben nicht nur für das was er tut, sondern auch für das was er verkörpert. Dies zu verstehen und sich von bequemen Vorurteilen zu befreien ist zwingend notwendig. Die schlechte Nachricht ist, dass man Ideologien weder effektiv verbieten, einsperren noch bombardieren kann.
Positiv stimmt jedoch, dass liberale Demokratien im letzten Jahrhundert gezeigt haben, dass sie zur Selbstverteidigung sehr wohl in der Lage sind.

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