Al Qaida setzt auf Einzelkämpfer (Zeit Online)
Alexander Ritzmann, Zeit Online, 07.09.2011.
Zu großen Anschlägen ist al Qaida zehn Jahre nach 9/11 nicht mehr fähig. Die Terrororganisation will jedoch mit Einzeltätern Angst schüren.
Al Qaida ist heute, zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001, so schwach nie zuvor. Nachrichtendienste und unabhängige Experten sind sich weitgehend einig, dass die Terrororganisation keine strategische Bedrohung mehr darstellt, also keine international koordinierten und groß angelegten Anschläge im Stil von 9/11 verüben kann.
Auch die gezielten Tötungen hochrangiger Führungskader in den letzten Monaten zeigen, wie angeschlagen die gefürchtete Mördertruppe ist. Daran ändern auch begrenzte Erfolge wie im Jemen nichts. Und auch al Qaidas Propagandastory, die Geschichte vom gerechten, heiligen Verteidigungskrieg gegen die Juden und Kreuzfahrer, findet laut Umfragen zunehmend weniger Anhänger. Weiterlesen…
Zehn Jahre nach dem 11. September 2001 – Neue Herausforderungen im Kampf gegen al-Qaida
Alexander Ritzmann, September 2011
Immer noch ist unklar, welche Konsequenzen der Tod Osama Bin Ladens und weiterer wichtiger Al-Qaida-Führungskader haben wird. Auch innerhalb der US-Regierung herrscht anscheinend Uneinigkeit darüber, wie gefährlich die nun unter Aiman al-Sawahiris Kommando stehende Terrororganisation im Moment ist. Leon E. Panetta, ehemaliger CIA-Direktor und seit Juli dieses Jahres US-Verteidigungsminister, geht davon aus, dass die strategische Niederlage al-Qaidas in greifbarer Nähe liegt. Der gerade aus dem Amt geschiedene Direktor des ‚National Counterterrorism Center‘, Michael E. Leiter, sieht al-Qaidas Führung zwar geschwächt, weist aber darauf hin, dass deren harter Kern immer noch in der Lage sei, Anschläge zu verüben. Zudem habe der Ableger ‚al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAH)‘, verantwortlich für den sogenannten Weihnachts-Unterhosenbomber im Dezember 2009, die Paketbomben in UPS-Frachtflugzeugen im Oktober 2010 und das vielbeachtete Internet-Magazin ‚Inspire‘, an Bedeutung gewonnen.
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Bin Ladens Nachfolge gefährdet al-Qaida
Al-Qaida hat den 59-jährigen Aiman al-Sawahiri als Nachfolger Osama Bin Ladens ausgerufen. Der ehemalige Anführer des ägyptischen „Islamischen Dschihad“ und langjährige Gefolgsmann Bin Ladens galt zwar als Favorit. Kritiker innerhalb des al-Qaida-Netzwerkes hatten ihm jedoch mangelndes Charisma, oberlehrerhaftes Auftreten und unzureichende Kontakte zu Geldgebern vorgeworfen.
Wenn al-Sawahiri seine ausschweifenden professoralen Ausführungen zukünftig nicht zuspitzt und für die Anhängerschaft verständlicher formuliert, könnte die Rekrutierung neuer Anhänger sehr schwierig werden. Um zu verhindern dass al-Qaida durch diesen Führungswechsel langfristig massiv geschwächt wird, wird al-Sawahiri zudem versuchen müssen, die bisherigen Großspender aus den Arabischen Emiraten und Saudi Arabien von seiner Führungsstärke zu überzeugen. Sollte er dies durch eine stärkere Zentralisierung der Kommandostrukturen versuchen, sind Konflikte mit anderen Führungskadern wie Saif al-Adel oder Anwar al-Awlaki und al-Qaida-Netzwerkgruppen wie al-Qaida im Islamischen Mahgreb sehr wahrscheinlich. Zusätzlich würde al-Qaida durch eine stärkere Zentralisierung verletzlicher gegenüber geheimdienstlicher Aufklärung und damit verbundenen militärischen Maßnahmen.
10 Jahre nach dem 11. September 2001 steht al-Qaida deshalb vor seiner bisher größten Herausforderung.
Mehr dazu: Strukturen des Terrors
Deutsche Welle Interview, 18.05.2011
Saif al-Adel, an Egyptian former military officer, has been appointed interim leader of al Qaeda after the killing of Osama bin Laden. It is thought he will be a caretaker until a council can decide on a permanent head.
An Egyptian former military commander, Saif al-Adel, has reportedly been named as the acting leader of al Qaeda, indicating that al Qaeda wants to avoid a prolonged power vacuum at the top and is likely still considering who will step into bin Laden’s shoes.
Pakistani media as well as CNN and Al Jazeera have reported that Adel will take over in at least in the interim, not the terror group’s deputy leader under Osama bin Laden, Ayman al-Zawahiri, who many observers had expected to move into the top position. Weiterlesen…
Kann sich 9/11 wiederholen? (SWR 1 Interview)
Schwer umerziehbar (Internationale Politik)
5. Januar 2011
INTERNATIONALE POLITIK (IP)
von Alexander Ritzmann, in: Ausgabe Januar/Februar 2011
Lassen sich Terroristen entradikalisieren, und wenn ja, wie? In Deutschland sind es Dutzende, in der EU Hunderte, in muslimischen Ländern noch weit mehr: inhaftierte Terroristen, die irgendwann wieder in genau die Gesellschaften entlassen werden, für deren Bekämpfung sie verurteilt wurden. Was bewirken Entradikalisierungsprogramme in der islamischen Welt, wie könnten sie in Europa aussehen?
In Deutschland sind es Dutzende, in der EU Hunderte, in muslimischen Ländern noch weit mehr: inhaftierte Terroristen, die irgendwann wieder in genau die Gesellschaften entlassen werden, für deren Bekämpfung sie verurteilt wurden. Was bewirken Entradikalisierungsprogramme in der islamischen Welt, wie könnten sie in Europa aussehen?
„Osama Bin Laden gegen Angriffe auf den Westen – neue Fatwa verurteilt Terroranschläge“: Es ist wenig wahrscheinlich, dass man eine solche Überschrift in ganz naher Zukunft in der Zeitung lesen wird, würde es doch voraussetzen, dass der Al-Kaida-Chef an einem der in vielen muslimischen Ländern laufenden Entradikalisierungsprogramme teilnähme. Immerhin, die Quote derer, die dem militanten Dschihad abschwören, liegt angeblich zwischen 80 und 99 Prozent. Weiterlesen…
Germany applies anti-Nazi laws in crackdown on Salafi Islamic groups (The Christian Science Monitor)
The Christian Science Monitor
By Robert Marquand, Staff writer / December 15, 2010
German police yesterday targeted two Salafi Islamic groups in what officials say is an investigation into efforts to overthrow the government.
Paris —
German authorities hardened a crackdown on Islamic groups yesterday, raiding homes and schools that reportedly belong to adherents of fundamentalist Salafi Islam.
German officials said the preemptive raids, conducted under German anti-Nazi laws of association, were aimed at uncovering unconstitutional or separatist acts and not part of an international terror hunt.
The raids targeted the Islamic Cultural Center of Bremen, on the North Sea, along with a group calling itself Invitation to Paradise in two small northwest German cities. Invitation to Paradise’s leader has called for sharia, or Islamic law, to prevail one day but has specifically opposed using violence to impose it.
While some experts say police overreacted in conducting the raids, German officials have come under great pressure from local media and citizen groups to respond to some Muslim organizations that appear to resist joining mainstream German society.
“These groups are a problem for integration, even maybe for radicalization, though not necessarily for violent jihad. They are very orthodox and like to be separate but are not preaching but usually condemning violence,” says Alexander Ritzmann, a former Berlin member of parliament now with the European Foundation for Democracy in Brussels. “The problem is that some jihadis in Germany from before identified themselves as Salafi.”
Germany has been on high alert for possible terror attacks since mid-November. The Reichstag parliament building was partially closed to tourists for two weeks following a phone call from a disaffected South Asian jihadist who warned that Islamic militant groups were planning to attack high-profile targets in the nation.
Authorities said yesterday’s raids were unrelated to the phone warning.
The German Interior Ministry said it was investigating efforts by radicals to overthrow the government on theological Islamic grounds. In a statement issued Tuesday, the ministry said that, “For a well-fortified democracy, it is necessary and demanded, without waiting for the jihad to occur in the form of armed struggle, to take action against anti-constitutional organizations.”
A leader of Invitation to Paradise, Pierre Vogel, has been a lightening rod in Germany for some time now. He’s a German convert to Islam who appears on numerous TV shows to defend the concept of sharia.
Mr. Ritzmann, the former German parliamentarian, argues that the zeal of the German police should be more in line with the goals of German intelligence, which may be uneasy with high-profile raids that are designed to placate political pressure.
“The police may make some of the popular leaders into martyrs if the state is now going after them,“ he says. „It means inside the mosque that everything the Islamic leaders say to them about not being accepted in German society appears to be true.”
After a car bomb in Stockholm carried out by a disaffected Islamist from Iraq named Taimour Abdulwahab al-Abdaly, several German politicians called for tighter visa restrictions. After yesterday’s raids, other officials called for a quick and total ban on radical Islamic groups. German police say the raids were unrelated to the Stockholm incident.
Das Grundrauschen des Terrors (Die Zeit online)
Von Christian Bangel | Carsten Lißmann
Thomas de Maizière taugt nicht zum Rambo. Selbst heute, als er vor die Presse trat, um der deutschen Öffentlichkeit klarzumachen, dass sie sich auf unbestimmte Zeit an den Anblick von Polizisten mit Maschinenpistolen wird gewöhnen müssen, wirkte er noch wie ein freundlicher Steuerberater. Und keineswegs wie der Sicherheitsminister, nach dem sich seine Partei so sehnt. Es bestehe Anlass zur Sorge, nicht zur Hysterie, versuchte der Innenminister zu beschwichtigen, nachdem er kurz zuvor eröffnet hatte, dass ein Anschlag unmittelbar bevorstehen könnte.
De Maizières Warnung blieb diffus. Kein Wunder, dass schnell allerlei Spekulationen die Runde machten. Der aus Pakistan stammende Mohammed Ilyas Kashmiri, der auch schon den Anschlag auf das Touristenlokal German Bakery im Februar dieses Jahres organisiert haben soll, stecke hinter den Anschlagsplänen, hieß es. Kashmiri habe zwei bis vier in Pakistan ausgebildete Terroristen auf den Weg nach Deutschland geschickt, die „weiche Ziele“ wie Weihnachtsmärkte angreifen sollten, schrieb der Tagesspiegel. Focus Online ergänzte, es sei ein Anschlag nach dem Vorbild des Mumbai-Attentats geplant. Das Kommando solle am 22. November in Deutschland eintreffen.
In Sicherheitskreisen heißt es dazu nur, man habe Kashmiri stets auf dem Schirm. „Wir wären wahnsinnig, wenn wir den nicht beobachten würden“, sagt einer. Dass der Terrorist schon lange beobachtet wird, legt die Vermutung nahe, dass die „neue Bedrohungslage“, von der de Maizière spricht, nichts mit dem Pakistani zu tun hat.
Auch Alexander Ritzmann, Analyst an der Brüsseler European Foundation for Democracy, hält es für unwahrscheinlich, dass das Ministerium wegen der Kashmiri-Verbindung Alarm auslöste: „Wenn man wirklich weiß, dass zwei bis vier Personen über Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate unterwegs nach Europa sind, um am 22.November Anschläge zu verüben, muss man nicht die Bevölkerung zur Wachsamkeit aufrufen.“
Die Behörden schweigen sich darüber aus, welche Warnungen sie konkret zum Alarm veranlassten. Möglich, dass es – anders als der Innenminister sagt – die Vielzahl der Hinweise war. In Sicherheitskreisen heißt es, nicht eine einzelne Erkenntnis, sondern ein wachsendes Grundrauschen an Meldungen – vor allem aus den USA – sei der Neubewertung der Gefahrenlage vorausgegangen.
Zudem war die Entscheidung des Innenministeriums, sich nun an die Öffentlichkeit zu wenden, innerhalb der Sicherheitsbehörden offenbar nicht unumstritten. Lange Beratungen seien nötig gewesen. Auch danach waren nicht alle Beteiligten einverstanden, hört man.
Der Sicherheitsexperte Ritzmann vermutet Nervosität hinter der Warnung de Maizières: „Die Bundesregierung hat ihre Kommunikationsstrategie hin zum amerikanischen Vorbild geändert. Offenbar soll die Bevölkerung nun auch über unsichere Hinweise informiert werden, um so im Schlimmsten aller Fälle sagen zu können: Wir haben ja eine Warnung ausgesprochen.“ Terrorwarnungen, sagt er, würden den Behörden ohnehin nicht viel helfen: „Im Gegenteil, sie werden nun eher durch Fehlalarme besorgter Bürger von ihrer Arbeit abgehalten.“ Weiterlesen…
Wie al-Qaida sich im Jemen eingerichtet hat (Die Zeit online)
Alexander Ritzmann
Anfang 2009 erst hat das Terrornetz einen Ableger im total verarmten Jemen gegründet. Nun steht dieser im Verdacht, die Paketbomben verschickt zu haben.
Die US-Ermittler zumindest hegen keinen Zweifel: Die Paketbomben aus dem Jemen stammen von der Terrorgruppe „al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAP). Die in UPS- und FedEx-Paketen verborgenen Sprengsätze auf dem Weg in die USA wurden zum Glück rechtzeitig entdeckt. Saudischen Sicherheitsbehörden zufolge soll der Al-Qaida-Bombenbauer Jaber al-Faifi den entscheidenden Tipp gegeben haben, der zur Entdeckung der Bomben führte. Noch wird geklärt, was genau Ziel des Anschlagsversuchs war, und ob die Paketbomben funktionsfähig gewesen sind.
Warum gilt die arabische al-Qaida AQAP als Drahtzieher, und was ist sie für eine Organisation?
Der Bombenexperte Jaber al-Faifi war in Guantánamo inhaftiert und nahm im Anschluss daran an einem saudischen Rehabilitationsprogramm für gewaltbereite Extremisten teil. Nach dessen vermeintlich erfolgreichem Abschluss schloss er sich AQAP im Jemen an, um sich dann vor zwei Wochen freiwillig zu stellen. Es ist deshalb bis auf Weiteres davon auszugehen, dass die Organisation auch hinter dem Anschlagsversuch steckt. Bereits vor zehn Monaten schlug der spektakuläre Versuch eines AQAP-Mitgliedes fehl, die eigene mit Sprengstoff gefüllte Unterhose an Bord eines Passagierflugzeugs im Anflug auf die US-Stadt Detroit zur Explosion zu bringen. Weiterlesen…
Al Qaidas kleiner Sieg (Der Tagesspiegel online)
Alexander Ritzmann
Der Tagesspiegel online, 06. Oktober 2010
Al Qaida hat Konjunktur. Seit Tagen überbieten sich Europäische Regierungen darin, vor Terroranschlägen zu warnen, nur um die Warnungen dann wieder zu relativieren. Europa erscheint als ein sicherheitspolitischer Hühnerhaufen.
In mehreren europäischen Städten sollten, so die Meldungen, nach dem Vorbild der Anschläge in Mumbai gleichzeitig öffentliche Ziele durch schwerbewaffnete Terroristen angegriffen werden. Die USA, Frankreich, Großbritannien und sogar Japan reden über die Terrorgefahr, die insbesondere in Deutschland drohe. Und vor allem reden sie alle durcheinander.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière wies hingegen darauf hin, dass es keine Veränderung der Sicherheitslage gebe, und warnte vor Alarmismus. Europas Bürger fragen sich zu Recht, was hier eigentlich gerade los ist. Steht nun ein Anschlag bevor? Wurde ein Anschlag vereitelt? Warnen die USA wirklich vor Reisen nach Europa? Und: Warum sind sich die Europäer nicht einig? Weiterlesen…